Toleranz – Viel Gerede, nichts dahinter?

Was Toleranz für unsere Gesellschaft bedeutet und warum Toleranz auch Grenzen hat. 

Ein Essay von Ben Gerlach, Jahrgangsstufe 12

Beispielfoto (Quelle: www.pixabay.com)

Christen, Muslime, Juden. Geimpfte, Ungeimpfte. Linksextreme, Rechtsextreme. In unserer heutigen Gesellschaft existiert ein großes Miteinander, aber es bestehen nicht minder viele Gegensätze und Extreme. Und auch wenn man von diesen absieht, ergeben sich viele kulturelle, religiöse, politische und generell gesellschaftliche Unterschiede, die tagtäglich aufeinandertreffen. Stets heißt es dazu: „Zeigt Toleranz!“  

Zwar ist der Begriff „Toleranz“ keine VW-Aktie, dennoch im Bundestag hoch im Kurs. Selbst die Dienstältesten, bis auf einige wenige, die rote Krawatte auf blauem Hemd tragen, haben wohl begriffen, dass dieser Ausdruck heutzutage, gleich nach „Internet“, sehr beliebt ist. Doch was bedeutet dieser ominöse Begriff „Toleranz“, ist er etwa für uns alle “Neuland”? Sollte man tolerant sein, wenn der Abgeordnete einer „demokratischen Volkspartei“ darauf plädiert, dass man das oder jenes ja wohl noch sagen dürfe? Und wenn ja, wieviel Toleranz benötigt unsere Gesellschaft?  

Zuallererst sei gesagt, dass der Begriff Toleranz dehnbar und unterschiedlich definierbar ist. Neben dem gesellschaftlichen Aspekt hinsichtlich der Duldsamkeit findet dieser Begriff nämlich auch in der Medizin und der Technik Gebrauch. Dort steht Toleranz allerdings für die körperliche Widerstandsfähigkeit und die Diskrepanz zwischen festgelegter Norm und erzielter Maße. Langweilig.  

Doch was gesellschaftliche und soziale Toleranz bedeutet, gilt als umstritten. Per Erklärung von Prinzipien der Toleranz der UNESCO Mitgliedsstaaten ist Toleranz als Respekt und Akzeptanz gegenüber anderer Kulturen sowie deren Lebens- und Handlungsweisen aufzufassen.

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Außerdem soll Toleranz für Vielfalt und Harmonie sorgen und gilt als moralische, politische und rechtliche Grundlage einer jeden Demokratie. Wer Toleranz praktiziert, erkennt Menschenrechte grenzenlos an und zwingt eigene Ansichten nicht Andersdenkenden auf.  

Akzeptanz, Respekt und Anerkennung sind also zentrale Elemente von Toleranz. 

Dennoch sei gesagt, dass auch Toleranz Grenzen haben muss. Der Autor und Publizist Henryk M. Broder – bekannt für seine Polemiken – behauptet sogar, man müsse heutzutage intolerant sein. Dies begründet er damit, dass Toleranz, wie es als Grundprinzip der Aufklärung verstanden wird, nicht mehr von den „Schwachen“, sondern den „Rücksichtlosen“ genutzt werde. Genauer meint er, dass vor allem Fundamentalisten oder Populisten Toleranz einfordern und dieses Prinzip ausdehnen und missbrauchen würden. Wer tolerant sei, der verstecke sich hinter Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit, der schleiche sich aus der Wirklichkeit und relativiere Sachverhalte, bei denen es eine klare Linie brauche.  

Diese Auffassung Broders lässt sich mit einem Zitat von Kurt Tucholsky verbinden: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“ Der Kern des Zitats liegt darin, dass man dem Gegenüber indirekt zustimme, wenn man dessen Aussage oder Handlung toleriere. Auch Theodor Fontane regt dazu an, auf andere einzugehen, da das bloße Ignorieren noch keine Toleranz bedeute. Es ist also wichtig, dass man nicht alles grenzenlos akzeptiert und wenn man etwas akzeptiert, ist es auch wichtig, darauf einzugehen. 

Dementsprechend lautet die Antwort auf die Aussage, dass man das ja wohl noch sagen dürfe, eindeutig nein! Wir als fortgeschrittene und demokratische Gesellschaft akzeptieren solche Denkweisen nicht mehr, sondern sind offen für Vielfalt und Gleichheit.  

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Spricht man von dem Begriff Toleranz, dann muss man einen Toleranzbereich und eine Toleranzgrenze bestimmen und an diesen festhalten. Außerdem muss man diese aktiv ausüben und nicht mit einer biederen Hinnahme gleichsetzen. 

Einen gewissen Rahmen liefert bei uns in Deutschland und Europa die Gesetzmäßigkeit, in der die Toleranz als grundlegendes Element tief verankert ist und durch jene gestärkt und durchgesetzt wird. Als Beispiel nehme man die für uns essenzielle Meinungs- und Religionsfreiheit. Dessen Basis besteht darin, dass man die Meinung oder Religion anderer, so konträr sie der eigenen sein mag, toleriert.  

Neben dem gesetzlich festgeschriebenen Rahmen muss man sich aber auch selbst dafür einsetzen und die Prinzipien ausleben. Greift man Toleranz auf, wie beschrieben, also als Anerkennung und Offenheit des pluralistischen und demokratischen Zusammenlebens, so sollte man es sich zur Aufgabe machen, diese weiter in unserer Gesellschaft zu vertiefen. Nur, wenn wir tolerieren, können wir neue Lebens- und Denkweisen etablieren. Es sollte ein allgemeiner Konsens gebildet werden, der extremistischen, fundamentalistischen oder populistischen Strömungen keinen Raum bietet.

Denn, obwohl wir uns im 21. Jahrhundert befinden, werden Menschen täglich ausgegrenzt, heruntergemacht und verletzt. In modernen Gesellschaften sollten Rassismus, Antisemitismus, Mobbing und jegliche andere Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung höchstens eine Seltenheit und kein Regelfall sein. Dazu braucht es schlicht und einfach mehr Toleranz.  

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Jedoch ist und bleibt die Toleranz kein Allheilmittel. Sie hat nun mal Grenzen. Sie hat das Grundproblem, dass nicht jeder ihre Wichtigkeit und Fundamentalität erfassen kann. Sie hat die Schwierigkeit, dass vor allem die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart ihr zeigen, dass Toleranz meist schon auf der kleinsten Ebene missachtet wird. Man denke an Beispiele wie mit Sahne gefüllte Schokoküsse, denen noch vor einigen Jahren ein ganz anderer Name bei war. Man denke daran, dass dem neutralen Attribut „schwul“ eine abwertende Bedeutung zugesprochen wird. Und man denke respektiv an die Shoa, dem Holocaust, bei dem Menschen aufgrund ihrer Religion misshandelt und systematisch ermordet wurden. Andere wurden in der gleichen Zeit aufgrund ihrer Ethnie oder ihres Geisteszustandes verfolgt – und das gerade mal vor 80 Jahren. Auch zur heutigen Zeit offenbaren sich die Schrecklichkeit des Menschen und die veralteten Denkweisen unserer Gesellschaft. Der Ukraine-Krieg, den das Putin-Regime rücksichtlos führt. Die „Umschulungslager“ für Uiguren in China, dem Land, das beide Male Olympia austragen durfte. Die unterschwellige und vielleicht auch unbewusste Diskriminierung anderer mittels Worte. All dies dürfen wir nicht tolerieren. Und trotzdem wird es wohl immer Menschen geben, denen der Begriff der Toleranz ein fremder ist. 

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Abschließend sei also gesagt, dass hinter dem Gerede einiges Wahres steckt. Aber auch einiges Falsches. Ja, unsere Gesellschaft braucht mehr Toleranz in Form von Respekt und Akzeptanz, um weiterhin ein friedliches und harmonievolles Leben führen zu können. Und nein, diese ist nicht grenzenlos und unbedingt. Wenn der Demokratisch-Volksparteische mal wieder am lautesten schreit, dass man das ja wohl noch sagen dürfe, dann schreit man gefälligst zurück: „Nein, darfst du nicht!!!“ Denn, wie ausführlichst beschrieben, muss Toleranz aktiv praktiziert werden. Jeder muss daran erinnert werden, dass, so sehr unterschiedlich wir inner- und äußerlich sind, so sehr sind wir alle Menschen. Jeder muss daran erinnert werden, dass wir mehr Toleranz füreinander brauchen, wie es eine Briefmarke der deutschen Post schon 2002 forderte. Schließlich leben mehr als 8 Milliarden auf dieser Erde und wo Toleranz als Grundtugend angesehen wird, kann der Frieden walten und jeder Mensch in einem gewissen Rahmen so unterschiedlich zum anderen sein, wie es jenem gefällt.


Dieser Beitrag ist ein Ergebnis aus dem Deutschunterricht der Jahrgangsstufe 12. Das Thema lautet “Materialgestütztes Schreiben”.