Der Käfig
Ausgezeichnet beim Europäischen Wettbewerb „Hier bin ich Mensch – Hier darf ich sein“
Eine Kurzgeschichte von Nisa Bagceci, 10a
Vorsichtig trete ich dem goldenen Käfig näher. Seine Tür ist geschlossen. Die schneeweiße Taube schaut mich mit ihren dunklen Augen an und gurrt leise. Ich merke, dass ihre Futterschale leer ist. „Hey, kleine…“ Ich strecke meinen Arm raus, um den Käfig zu öffnen und die Futterschale der Taube wieder aufzufüllen, aber etwas hält mich davon ab.
Ich kann die Tür nicht öffnen.
Ich runzle meine Augenbrauen. Die Tür ist nicht abgeschlossen, warum geht sie nicht auf? Ich trete zurück, bevor ich es ein weiteres Mal versuche. Und noch einmal. Und noch einmal. Warum geht es nicht?
Die Taube fällt leblos zum Boden des Käfigs. Ich blinzele. Nein, das kann doch nicht sein. Es ging ihr doch gerade eben noch gut, sie kann nicht tot sein. Ich versuche noch einmal, die Tür zu öffnen. Etwas fängt an zu klingeln. Erst leise, dann immer lauter. Ich merke, es hat schon die ganze Zeit geklingelt. Aber was klingelt denn hier…
Meine Augen fliegen auf und ich setze mich nach Luft schnappend aufrecht im Bett. Ein Blick auf meine klingelnde Uhr auf meinem Nachttisch erklärt mir alles, was ich wissen musste. Ich greife müde rüber und lasse meine Hand auf die Uhr fallen, sodass der Wecker ausgeht. Es ist 7:15. Ich stöhne und lasse mich zurück ins Bett fallen, lege einen Arm über mein Gesicht, und versuche, mich zu beruhigen. Seufz. Schon wieder derselbe Traum. Ich bekomme regelmäßig diesen Traum, seitdem ich ein Kind bin. Eine Taube in einem Käfig mit einer offenen Tür und kein Futter, doch ich kann ihr nicht helfen. Und dann stirbt sie. Wenn ich nur wüsste, was es bedeuten soll…
Was soll’s. Ich schwinge meine Beine über dem Rande des Bettes und lege mein Gesicht mit einem Seufzen in meine Hände.
„Ikaros,“ klingt die liebliche Stimme meiner Mutter. „Frühmahl ist bereit. Komm runter, dein Vater und ich warten auf dich.“
„Komme.“
Ich stehe auf, gehe die exakt drei Schritte zu meinem Schrank, und stelle mich vor seiner Spiegeltür. Vom Schlaf verwuschelte, schwarze Haare fallen beinahe in meine Augen, und ich bürste sie weg, ohne darüber nachzudenken. Mit meiner anderen Hand drücke ich das Wort „Tag“ auf meinem Spiegel. Ich schaue zu, wie sich mein Schlafanzug im Spiegelbild in ein blaues Gewandt verwandelt.
Eigentlich mag ich blau gar nicht, denke ich mir, als ich mich im Spiegel eine gute Weile anstarre. Gelbe Kleidung wäre viel schöner.
Nach einigen Sekunden verlasse ich mein Schlafzimmer, begebe mich in den Essbereich für das Frühmahl, und setze mich auf meinen Platz gegenüber meinem Vater. Heute ist Samstag. Ich schaue meinen Teller an und hebe meinen Löffel auf. Samstags essen wir zu Frühmahl immer ungesüßten Milchreis. Dienstags auch.
Ich tauche meinen Löffel in den Milchreis. „Wie hast du geschlafen, Ikaros?“ fragt meine Mutter. Mein Vater liest Zeitung.
„Gut. Wie hast du geschlafen, Mutter?“
„Das freut mich. Ich habe auch gut geschlafen.“
„Das freut mich auch.“
Mein Vater blättert in seiner Zeitung um und nippt an seinem Kaffee. Eine ruhige Stille breitet sich im Raum aus.
Das Frühmahl ist immer leise in unserer Familie, doch tausende Gedanken rasen durch meinen Kopf. Diese Gefühle, etwas nicht zu wollen, sind mir mittlerweile nicht fremd. Wir werden alle von klein auf erzogen, dass es einen bestimmten Weg für jeden gibt. Du suchst dir nicht aus, was du essen willst, trinken willst, anziehen willst, lernen willst, zum Teil sogar sagen willst. Und jeder akzeptiert es einfach.
Die Tatsache, dass das keinen stört, stört mich.
„Vater,“ sage ich, als das Mahl fast vorbei ist. Er brummt in Anerkennung, schaut nicht einmal von seiner Zeitung hoch. „Ist dir eigentlich nie… langweilig?“
Jetzt schaut er hoch. Eine dicke Augenbraue erhebt sich. „Was meinst du mit langweilig, Ikaros?“
„Na ja… Wir machen immer dasselbe. Wir ziehen die gleichen Klamotten an, wir essen jeden Tag das gleiche, wir—“
„Ikaros, wage es nicht, schon wieder mit dem Kram anzufangen,“ unterbricht mein Vater mit einem genervten Seufzen und blättert wieder in seiner Zeitung um. „Wie kann dir langweilig sein? Wie kann es dir überhaupt schlecht gehen, geht es dir schlecht?“ Er steht auf und bringt seinen leeren Teller Milchreis zum Waschbecken in der Küche. „Unser Leben ist perfekt. Wir haben alles, was wir brauchen.“
Ich schaue meinem Vater mit leicht gekniffenen Augen hinterher. Perfekt für wen, genau? Was ist mit meiner Meinung? Nur du denkst, dass unser Leben perfekt ist. Nur du und Mama und alle anderen in dieser Stadt.
Ich will ihm widersprechen, aber ich weiß, dass es nichts bringen würde. Das ist nicht das erste Mal, dass ich versucht habe, ihm zu erzählen, was ich spüre. Jeder scheint mit diesem vorgeschriebenen, eintönigen Leben zufrieden zu sein. Jeder außer ich. Vielleicht ist auch etwas mit mir falsch.
Schon mein ganzes Leben will ich etwas anderes, ich will meinen eigenen Weg aussuchen. Ich will es dürfen, etwas zu denken. Es geht mir nicht einmal um einen festen Gedanken, den ich denken dürfen will. Ich will einfach denken dürfen. Das war’s. Draußen ist jeder gleich, keiner wagt es, den Offizieren zu widersprechen. Aber es scheint mir auch, als wolle keiner ihnen überhaupt widersprechen. Die Offiziere behalten in unserer Gesellschaft Frieden und Harmonie. Die Logik habe ich in meinen 17 Jahren hier teilweise verstanden. Sie vertrauen uns nicht, ein anständiges Leben selbst zu führen. Sie denken, wir sind zu dumm dafür, zu inkompetent, um unsere eigenen anständigen Entscheidungen zu treffen.
Sie denken, sie täten uns einen Gefallen, indem sie uns das Recht wegnehmen, unser Leben selbst zu bestimmen.
„Gehe in dein Zimmer, Ikaros,“ spricht meine Mutter sanft. Ich zucke — Ich hatte fast vergessen, dass sie noch hier war.
Ich presse die Zähne zusammen, damit ich nicht etwas sage, das ich bereuen werde. Ohne ein weiteres Wort erhebe ich mich von meinem Platz und gehe entspannt in mein Zimmer. Zumindest versuche ich, entspannt zu wirken. Innerlich bin ich aufgewühlt.
Ich lasse mich auf mein Bett fallen und starre die Decke an. Es reicht mir. Ich habe die Nase voll von diesem Leben. Ich kann nicht so weiterleben, ich kann es einfach nicht. Der Gedanke, dass ich keinen einzigen Tag meines Lebens selbst bestimmen werden kann…
Ich muss weg.
Entschlossen stehe ich auf und leere meine Schultasche aus. Ich öffne meinen Schrank und packe drei von meinen zehn Ersatzanzügen. Ich merke, dass ich nicht viel besitze. Zumindest nichts, was mir in diesem Falle nützlich wäre. Ich weiß nicht einmal, was ich mitnehmen muss. Ein wenig verzweifelt setze ich mich auf den Boden vor meinem Schrank, schaue meine Tasche an und versuche mich an meine Unterrichtsstunden zu erinnern. Irgendwas muss ich doch über die Außenwelt gelernt haben. Oder wie man dorthin gelangt. Oder was man dafür braucht.
Aber mir fällt nichts ein.
Mir entfährt ein Seufzer. Ich habe nichts. Bestimmt werde ich eine Art Waffe brauchen. Ich weiß, dass mir vieles im Wege stehen wird. Keiner hat es je versucht, unsere Stadt zu verlassen. Zumindest, wenn es jemand versucht hat, dann weiß keiner davon. Das würde meinen Plan noch gefährlicher machen.
Eine Waffe habe ich aber nicht. Waffen sind für Zivilisten verboten. Nur die Offiziere dürfen Waffen tragen. Ich? Ich habe nicht einmal einen Messer. Mein Blick fällt auf die Steinschleuder auf dem Regal.
Dion.
Dion ist meine beste Freundin. Nein, verbessere ich mich innerlich und stehe auf. Sie war meine beste Freundin.
Ich hebe die Steinschleuder auf und ziehe nachdenklich am Band mit einem Finger. Dion war schon immer anders. Wie ich. Als wir kleiner waren, waren wir unzertrennlich. Sie war die Einzige, die mich verstehen konnte. Dion wollte auch weg hier, aber sie war nie tapfer genug, um es zu tun. Oder alt genug. Sie war nur neun Jahre alt, als sie verschwand. Ich war acht. Mit ihr verschwand das letzte Stück Mut, Hoffnung, Individualität in dieser Stadt.
Ich denke oft an Dion. Keiner erinnert sich mehr an sie, als verschwanden ihre Erinnerungen an sie mit ihr. Diese Steinschleuder hatte sie mir geschenkt. Ich werfe sie in meine Tasche. Steine kann ich später finden.
Dion sagte mir einmal, dass sie anders sein will. Sie fragte, warum wir nicht entscheiden konnten. Ich traute mich damals nicht, ihr zuzustimmen. Aber innerlich war ich immer ihrer Meinung.
Die Erinnerung von Dion gibt mir einen weiteren Grund, aus dieser verfluchten Stadt auszubrechen. Ich bin voller Entschlossenheit. Den Reißverschluss meiner Tasche mache ich zu und öffne mein Fenster. Wir wohnen im ersten Stock. Ich bin mir sicher, dass ich hier rausklettern kann. Bestimmt. Ich muss es.
„Okay, Ikaros,“ sage ich halblaut zu mir selbst. „Es sind nur fünf Meter oder so. Du kannst das. Du musst es. Dion würde es wollen. Tu es für sie. Und für dich selbst.“
Mein Herz rast. Ich halte mich fest, strecke ein zitterndes Bein über die Fensterbank. Erst jetzt erinnere ich mich daran, dass ich vielleicht eine Minute habe, bevor meine Mutter in mein Zimmer kommt und mir sagt, dass ich mein Geschirr nicht weggebracht habe.
Es klopft an meiner Tür. Dann wieder.
„Ikaros?“
…
…
…
Meine Mutter öffnet die Tür. Das Zimmer ist leer, das Fenster offen. Sie sieht einen Zettel auf meinem Tisch.
Bin kurz frische Luft holen. Hab dich lieb!
Sie lächelt kurz, schließt das Fenster, und verlässt das Zimmer.
Ich renne so schnell wie meine Beine mich tragen. Ich renne an den Marmorgebäuden vorbei, über die glasernen Böden, sehe mein Spiegelbild, als ich runterschaue. Ich renne an den Offizieren vorbei, die mir einen kurzen, verwirrten Blick verpassen, doch nichts sagen. Sie können nichts sagen! Ich habe nichts falsch gemacht. Noch nichts.
Ich renne. Ich renne und renne und renne. Ich merke, wie es jetzt weniger und weniger Häuser gibt. Ich komme weg vom wohlhabenden Wohnviertel. Die eleganten Marmorgebäude, mit denen ich aufgewachsen bin, verwandeln sich nach und nach in eng gepackte, traurig aussehende Hütten, die aus verrostetem Metallblech zusammengelegt wurden.
Vielleicht zehn Minuten später renne nicht mehr. Meine Beine brennen, aber eine Pause erlaube ich mir nicht. Ich weiß, dass es von meinem Haus zum Rande der Stadt genau elf Kilometer sind. Dort ist die Mauer.
Was werde ich eigentlich machen, wenn ich die Mauer endlich erreiche? Ich habe mir kaum Gedanken darüber gemacht. Wenn ich es rüberschaffe, dann… bin ich frei. Aber was dann? Was ist denn auf der anderen Seite der Mauer? Ist Dion dort? Ich hoffe, dass ich sie finde. Mein Herz schlägt schneller am Gedanken von ihr. Ich hoffe, dass sie lebt.
Ich bin fast da. Die Mauer kann ich schon sehen. Sie ist kleiner, als ich mich an sie erinnere, aber trotzdem ist sie angsteinflößend. Imponierend. Ich war hier nur einmal, als ich ein Kind war, mit Dion. Danach sind wir wieder weggerannt. Die schwarz maskierten Offiziere erkenne ich von weitem. Ich laufe weiter, versuche eine Stelle zu finden, wo es weniger Offiziere gibt, aber es scheint mir unmöglich. Mindestens zehn stehen da, alle in vielleicht zwei Meter Abständen angereiht.
Bevor sie mich sehen können, ducke ich hinter einen Brunnen.
Hier, so nah an der Grenze der Stadt, ist nichts wie ich es kenne. Die Häuser sind klein, brechen zum Teil fast zusammen, sind verrostet und alt. Die Böden bestehen aus Erde und trockenem Gras und es gibt sogar ein paar traurige Sträucher und kleine Bäumchen. In der Innenstadt gibt es fast keine Natur. Alles besteht aus Marmor oder Glas oder Stein und alles glänzt. Ich atme tief ein und aus und spähe aus dem Busch hervor.
Ich frage mich einfach, wie es außerhalb der Mauer aussieht. Ich will dahin. Ist es so schlimm, dahin zu wollen? Aber die wichtigste Frage ist immernoch, wie ich über die Mauer kommen soll. Mit meiner Tasche kann ich da auf keinen Fall rüberklettern, denke ich mir. Die ist zu groß. Und zu schwer. Ich ziehe die Tasche über meine Schulter auf den Boden und mache sie auf. Die Steinschleuder fällt mir sofort ins Auge und ich schmunzele, als mir ein Plan einfällt. Ja, das könnte funktionieren.
Ich greife einen kleinen Stein vom Boden auf und platziere es im Band der Steinschleuder. Mit einem Auge geschlossen ziele ich in Richtung eines weiter entfernten Busches und atme noch einmal tief durch.
Du hast nur eine Chance, Ikaros.
Meine Hand zittert. Ich ziehe das Band noch einmal zurück.
Ein trockenes Flitschen durchschnitt die Luft. Das Steinchen landet hinter einem Busch auf der anderen Seite des Feldweges.
Die Offiziere schauen alle in die Richtung. Keiner wagt es, so nah zur Mauer zu kommen. Tiere gibt es hier auch nicht. Ich beobachte, wie zwei Offiziere sich gegenseitig anschauen, ihre Hände heben, und mit vier weiteren die Mauer verlassen, um nachzuschauen, woher das Geräusch kam.
Inzwischen ist die gelassene Lücke groß genug, dass ich an den übrigen Offizieren vorbeischleichen kann. Ich verschwende keinen einzigen Moment. Lautlos sprinte ich in Richtung Mauer und springe auf.
Die Zeit steht still für diesen einen Moment.
Mein Körper bewegt sich von allein. Ich spüre nichts als die kalte Luft auf meinem Gesicht, den rauen Stein unter meinen Händen, das klopfendes Herz in meiner Brust. Ich greife hoch,
nochmal,
nochmal,
ich bin oben—! AUU… Stacheldraht…
Ich ziehe die Luft scharf ein und versuche kein Geräusch zu machen. Die spitzen Stacheln reißen meine Hand auf. Ikaros, du absoluter Vollidiot, was hast du dir dabei gedacht… Wie soll ich denn jetzt hier rüber?
Ich schaffe es, mich noch ein wenig über den Stacheldraht zu ziehen, aber jede Bewegung tut höllisch weh. Mit einem schmerzerfüllten Ächzen lasse ich mich auf das Stacheldraht fallen. Ich habe es schon halbwegs über die Mauer geschafft, wenn ich nur nicht so sehr vom Schmerz erblendet wäre, könnte ich sogar sehen, was passiert, was auf der anderen Seite der Mauer ist.
Dann kommen die Schüsse. Die Offiziere…
Eine Kugel durchbohrt mein Fleisch, direkt in meiner Wade. Ich gebe ein gequältes Geräusch von mir. Die Wucht des Schusses bewegt mich ein kleines bisschen weiter über die Mauer. Noch eine Kugel, diesmal in meinem Knie. Ich kneife mir die Augen zu, presse meine Zähne zusammen. Wenn die mich noch einmal erschießen, dann werden sie mich über die Mauer stoßen. Das fühlt sich an wie ein krankes, verdrehtes Spiel Billard. Aber überlebe ich denn solch einen Fall mit diesen Verletzungen? Die Mauer ist zwar nicht mehr als vier Meter hoch, aber ich bin verletzt.
Können die mich nicht einfach in Ruhe lassen… Ich will doch nur über die Mauer, warum darf ich das nicht?
Dann passiert es endlich. Noch ein Schuss, er landet direkt neben dem ersten. Mein Verdacht war richtig und die Wucht sendet mich über die Mauer.
Die Zeit fließt für diese paar Momente meines Sturzes langsamer, viel langsamer, als stehe sie beinahe still. Ich falle, falle, fliege fast, schwebe, ich bin schwerelos…
Mit einem Krach lande ich auf dem Boden. Meine Augen schließen. Ich liege dort, kaum noch am Bewusstsein, meine Atemzüge sind angestrengt, leise, schwach.
„Ikaros,“ höre ich eine leise Stimm. Dann nochmal, lauter, „Ikaros!“
Meine Augen öffnen sich schwer. Alles ist hell und dunkel zugleich. Meine Beine schmerzen nicht mehr. Ich stehe auf, schaue mich um. Alles strahlt prachtvoll und alles ist eine endlose Leere. Ich werde von allein weitergetragen, ohne meine Beine bewegt zu haben, ohne den Befehl meinem Körper gegeben zu haben.
„Dion,“ rufe ich, nein, ich brülle, „Dion, bist du hier? Antworte mir! DION!“
Die kahlen Wände spiegeln meine Schreie zurück und die rohe Emotion in ihnen erweckt eine Angst in mir, die ich noch nie kannte. Sind das denn Wände? Wo bin ich? Alles sieht gleich aus.
Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter, die mich von hinten ergreift. „Dion?“ Ich drehe meinen Kopf, um zu sehen, wer es ist. Aber bevor ich sehen kann, wer es ist, wird mir schwarz vor Augen. Der harte Boden trifft mein Gesicht und meinen Körper, dann schwebe ich wieder. Nicht nach unten, nicht nach oben. In alle Richtungen und nirgendwo hin. Alles ist hell, alles ist still.
„Ikaros, Ikaros!“
Ich sehe sie. Dion. Sie ist da. Sie steht da, mit dem Rücken zu mir gedreht, direkt vor meinen Augen, ich kann herausgreifen und sie berühren, aber sie tritt weg von mir. Sie sieht mir nicht in die Augen. „Dion,“ flüstere ich. „Was—“
Ich höre einen Vogel zwitschern. Nein, nicht zwitschern. Gurren. Ein paar Meter nach rechts sehe ich einen goldenen Käfig. Ich… kenne diesen Käfig. Er ist offen. Er war noch nie offen. Meine Augenbrauen ziehen zusammen und ich trete vorsichtig näher. Der Käfig ist leer. Die Taube habe ich gerade gehört, wo ist sie? Wo…
Meine Augen öffnen sich schlagartig. Am unerträglichen Schmerz in meinen Beinen stelle ich fest, dass ich wieder in der Realität bin. Ich zische. Ich kann mich nicht einmal von meinem Platz bewegen, ich kann nichts, außer hier zu liegen, hier auf der anderen Seite der Mauer.
Du hast es geschafft, Ikaros. Du bist raus. Aber zu welchem Preis? Und was jetzt?
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, wie lange ich schon hier liege, aber es ist dunkel. Viel mehr muss ich nicht wissen. Es ist nicht wichtig. Aber ich bin in Gefahr. Es ist dunkel, ich bin allein, verletzt, und habe nicht den blassesten Schimmer, was jetzt zu tun ist. Wo soll ich jetzt hin?
Die Stunden vergehen. Es ist Morgengrauen und ich liege hier immer noch. Ich spüre, wie ich schwächer werde. So sollte das alles nicht enden. So kann es nicht enden. Ich bin so weit gekommen, nur um so zu sterben? Nein. Nein, ich akzeptiere es nicht. Das wird nicht passieren. Ich lasse es nicht zu.
Aber ich bin so müde.
Es gibt so viel, was ich noch machen wollte. Ich wollte Dion finden. Ich wollte die gestörten, abartigen, kranken Köpfe an der Spitze dieses ganzen Systems finden, ihnen Fragen stellen, sie verändern. Ich wollte alles verändern. Für meine Eltern. Für jeden in dieser verfluchten Stadt.
Jeder ist gleich. Warum ist jeder gleich? Warum dürfen wir Dinge nicht selbst entscheiden, warum dürfen wir nicht einmal auf die Idee kommen, etwas selbst zu entscheiden?
„Es ist nicht fair,“ schaffe ich mit meiner verbleibenden Kraft, mit meinen letzten Atemzügen zu flüstern. „Es ist nicht fair.“
Und ich spüre zum ersten Mal nichts als Freiheit. Freiheit, zu sagen, dass es nicht fair ist. Ich darf sagen, dass es nicht fair ist. Wer will mich davon abhalten?
Die Strahlen der aufgehenden Morgensonne tanzen auf meiner Haut, füllen mich mit Wärme. Vögel zwitschern in der Ferne. Der Boden unter mir ist feucht mit Tau. Ein sanftes Lächeln verbreitet sich auf meinem Gesicht und meine Augen schließen sich zum letzten Mal.
Irgendwie ist es doch friedlich hier, nicht?



