Haben wir schon aufgegeben?
Von „Marktplatz Gesellschaft“ und „Wir schaffen das!“
Ein Kommentar von Luca Antonio Pavone
Von „How dare you?“ und „Ihr habt meine Träume und meine Kindheit mit euren leeren Worten gestohlen“ (Greta Thunberg 2019) zu „Fuck it, ich hab gelebt“ (Zartmann 2024).
Haben wir schon aufgegeben? Haben uns der Krieg in der Ukraine, Spannungen im Nahen Osten, Umweltkatastrophen wie im Ahrtal und Waldbrände in Frankreich oder Spanien, der Rechtsruck unserer Gesellschaft, Inflation, die Frage nach der Rente, Trump, der drohende Jobverlust durch KI, der nicht mehr für alle bezahlbare Führerschein und ein marodes Schienennetz all unsere Hoffnung genommen? Diese Vielzahl an Krisen erzeugt bei vielen Jugendlichen – auch bei mir – ein Gefühl der Überforderung und Ohnmacht. Welche Folgen für den Lebensstil junger Menschen haben diese Ereignisse, und wie steht dieser im Kontrast zu der Auffassung unseres Bundeskanzlers: „Wir müssen wieder mehr arbeiten!“? Sind junge Menschen einfach faul? Haben wir sie vergessen? Oder muss Politik den Fokus von der Befriedigung des Willens der Generation, die sie wählt, auf die richten, deren Lebensrealität langfristig verändert wird?
Diese Fragen sind überzogen – aber sie treffen ein Gefühl. Mehr noch: Sie zeigen die Angst vor dem, was kommt. Sie verdeutlichen vor allem, wie sich die Mentalität junger Menschen verändert hat. Greta Thunberg kämpft 2019 noch für eine bessere Welt, sie kritisiert, fordert und verurteilt. Von dieser Wut ist 2024 in Zartmanns Songtexten „Fuck it, ich hab gelebt!“ und „bin ein verfluchter Hedonist!“ wenig zu spüren. Die Wut ist einem hedonistischeren Denken gewichen – möglicherweise auch deshalb, weil junge Menschen das Gefühl haben, ihr Engagement sei nichts wert. Zartmann spricht aus, was viele Jugendliche denken: Mach das Beste aus der Zeit, die uns allen bleibt.
Viele junge Menschen sehen sich nicht mehr in der Verantwortung, ihr Leben ausschließlich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Das wird zum Beispiel in veränderten Prioritäten wie stärkerer Selbstverwirklichung deutlich. So würde laut einem Bericht der WELT beispielsweise nur knapp jeder dritte Jugendliche Wehrdienst leisten wollen. Aber auch ein Ehrenamt leisten laut EhrenamtAtlas nur knappe 60% der 19–29-Jährigen. Die restlichen 40% geben an zu wenig Zeit zu haben – oder anders: Sie sind nicht bereit diese zeit zu opfern.
Vergleichbar ist diese Situation mit Unternehmen. Ein Unternehmen investiert dann in einen Standort oder eine neue Technologie, wenn die Politik sicherstellt, dass sich diese Investition wirtschaftlich lohnt. Dazu muss sie die Verantwortung dafür tragen, dass der Standort oder die Technologie, in die investiert wurde, auch in Zukunft noch relevant ist. Denken wir an E-Autos: Die deutsche Automobilindustrie hat zu spät begonnen, in die Produktion und Entwicklung preiswerter E-Autos zu investieren, auch weil politische Signale lange unklar waren. Die Probleme werden jetzt deutlich.
Wie Unternehmen investieren auch junge Menschen nur dort, wo sich Engagement lohnt. Wenn politische Rahmenbedingungen unsicher sind, bleiben Investitionen aus – egal ob in neue Technologien oder in gesellschaftliches Engagement.
Dieser Gedanke steht im Kontrast zu den Forderungen an diese Generation, fleißig zu sein, für unsere Demokratie zu kämpfen und so unser Land aus der Misere zu ziehen.
Solche Forderungen gründen auf der Annahme, dass das Leben in diesem Land chancenreicher und menschenwürdiger ist als in anderen Teilen der Welt – was grundsätzlich richtig ist. Auch ist gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht nur von politischen Rahmenbedingungen abhängig, sondern erfordert Eigenverantwortung, die von allen Gesellschaftsmitgliedern erwartet werden kann und muss. Aber daraus lässt sich auch die Einstellung junger Menschen erklären, die den vorherigen Generationen vorwerfen, Reformen verschlafen zu haben. So zum Beispiel beim Klimawandel, der das Leben junger Menschen nachhaltig beeinflussen wird.
Daraus ergibt sich der Konflikt zwischen Jung und Alt. Ein Konflikt, in den beide Seiten mit einer Erwartungshaltung an die jeweils andere gehen. Die Kernfrage lautet:
Übernimmt eine kurzfristig denkende Politik zu wenig Verantwortung für die Zukunft junger Menschen – oder erwarten junge Menschen zu viel?
Ein Teil des Problems ist der demographische Wandel, der junge Menschen zu einer Minderheit macht, die in politischen Entscheidungsprozessen leichter übersehen wird.
Wie muss Politik den „Marktplatz Gesellschaft“ verändern, damit junge Menschen ihr Potenzial einbringen und sich gesehen fühlen?
Das bedeutet vor allem Investitionen in Bildung, so der Soziologe Aladin El–Mafaalani im Interview mit Louis Klamroth. So würde man sicherstellen, dass auch in Zukunft die Versorgung der älteren Generationen gewährleistet ist. Aktuell ist der geburtenstärkste Jahrgang, die Boomer noch in der Lage, sich selbst zu versorgen. Doch wenn das nicht mehr der Fall ist, haben auch diese Generationen ein Interesse daran, von kompetenten und motivierten Menschen gepflegt und versorgt zu werden.
Hinzu kommt, dass Bildung die einzige Ressource ist, die wir Deutschen haben. Wir haben keine Bodenschätze und sind deshalb auf kluge Ideen angewiesen. Bildung ist weiter der Schlüssel zu gesellschaftlicher und politischer Teilhabe. Und trotzdem beginnen nur 27 % der Kinder aus Arbeiterfamilien ein Studium. Hier wird deutlich, wie abhängig der Zugang zu Bildung vom Elternhaus ist. Dieser Ungerechtigkeit kann nur entgegengewirkt werden, wenn alle Kinder und Jugendlichen in der Schule gesehen, gefördert und motiviert werden. So kann ihnen gezeigt werden, dass sie wichtig sind und Stärken haben. Damit diese Arbeit in Bildungseinrichtungen geleistet werden kann, benötigen wir qualifiziertes Personal, das zurzeit nicht ausreichend zur Verfügung steht.
Deshalb sollten Investitionen in Bildung im Interesse der gesamten Gesellschaft sein – sind sie aber nicht immer.
Das Land Hessen spart im Haushalt für 2027 etwa 70 Millionen Euro im Schulbereich ein. Dadurch fallen Lehrerstellen noch zusätzlich weg und Förderangebote werden reduziert. Langfristig schwächt eine solche Politik die Ausbildung und verschärft den Fachkräftemangel.
Aber auch in anderen Bereichen müsste die Bundesregierung stärker für eine sichere Zukunft einstehen – etwa beim Umweltschutz, der wirtschaftliches Handeln auf dieser einen Erde auch langfristig ermöglichen soll.
Meine Generation muss stärker in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden, beispielsweise bei Debatten um die Wehrpflicht, bei denen junge Stimmen bisher nur begrenzt berücksichtigt wurden. Gerade, weil von uns erwartet wird mehr zu leisten, müssen wir bei zukunftsweisenden Entscheidungen, wie der um den Klimawandel, die Rente oder eben der Wehrpflicht mit einbezogen werden. Denn sie verändern vor allem unsere leben.
Auch brauchen wir in diesem Land Politiker, die emphatisch und selbstbewusst vorangehen und nicht der Bevölkerung das Gefühl geben, nur sie seien das Problem. Wir brauchen ein „Wir schaffen das!“ und nicht noch mehr generelle Kritik.
Politik muss den „Marktplatz Gesellschaft“ attraktiv halten, damit junge Menschen ihr Potenzial einbringen. Das Problem ist nicht eine faule Jugend, sondern fehlendes Vertrauen in eine verlässliche Zukunft. Denn eine Gesellschaft, die es nicht schafft, junge Menschen einzubeziehen und zu motivieren, verliert die Generation, von der sie morgen getragen werden muss – sie verliert ihre Zukunft.
Wenn jedoch jeder von uns jemanden hätte, der ihn sieht und fördert, der uns das Gefühl gibt, ein wichtiger Teil dieser Gesellschaft zu sein, dann könnten wir auf die Frage „Haben wir schon aufgegeben?“ antworten: Nein – „Wir schaffen das!“



