Protest
Eine Kurzgeschichte von Sophie Welzbacher, 7b
Es klopfte, Michelles Vater öffnete die Zimmertür seiner Tochter. Seine schwarzen Lackschuhe gaben einen starken Kontrast zu dem weißen Boden. Er trug einen dunkelblauen Anzug mit einem weißen Hemd darunter. Sein großer, aufrechter Körper, der strenge, lieblose Blick und die blonden, zurückgegelten Haare waren für Michelle nichts Ungewöhnliches und doch hoffte sie jedes Mal aufs Neue, ihr Vater würde diesen Raum anders betreten, offener, in normaler Kleidung und mit ausgebreiteten Armen. Stattdessen schritt er, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, durch das durch und durch weiße Zimmer.
Seine Augen waren auf das Notizbuch, welches vor Michelle auf dem Schreibtisch lag, gerichtet. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er ganz und gar nicht erfreut über den Anblick war, der ihm hier geboten wurde: Seine Tochter, mit gesenktem Kopf, herabhängenden Schultern und einem Zopf, aus dem sich bereits blonde Locken lösten.
„Erbärmlich.“ Genau das dachte er sich wahrscheinlich. Wie es sich wohl für ihn anfühlen mochte, ein so verkommenes Kind zu haben, das lieber an einem eigenen Roman schrieb, anstatt für die Schule zu lernen. Dabei hatte die 12-Jährige doch erst vor kurzem eine zwei-Plus in der Mathearbeit geschrieben. Für Michelle war dies völlig ausreichend, doch für ihren Vater… Bei ihm musste sie die Bestleistung bringen. Eine eins, am besten noch mit Sternchen.
„Ich dachte, ich hätten dir verboten, diesen Dreck weiter zu schreiben“, herrschte der Vater sie an. Seine Stimme blieb ruhig bei diesen Worten, trotzdem sank das arme Kind noch tiefer in seinen Stuhl. Die Verachtung in der Stimme des Vaters war einfach zu viel. Nun packte er das angefangene Büchlein, in dem das letzte bisschen Licht aus Michelles Leben steckte, und warf es aus dem Fenster. Es landete direkt auf der Straße in einer großen, schlammigen Pfütze. „Nein“, schrie Michelle, „wie konntest du nur?“
Das Mädchen brach in Tränen aus und sank auf dem Boden zusammen. Michelles Vater sah sie mit ausdrucklosem Gesicht an und meinte nur: „Da dieses Problem nun gelöst ist, kannst du dich jetzt endlich wieder auf die Schule konzentrieren.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und ließ seine Tochter alleine am Boden zurück. Sie saß noch eine Weile weinend da. Nach einiger Zeit zogen sich ihre Tränen langsam zurück und ihr Blick fiel auf ihren Schulmalkasten, dann auf die weiße Wand, anschließend wieder auf den Malkasten. Entschlossen griff Michelle nach ihrem Pinsel und begann.
Diese Geschichte entstand im Rahmen des Deutschunterrichts der Klasse 7 bei Frau Alberti.


