Allgemein,  Aus dem Unterricht

Hoffnung

Eine Kurzgeschichte von Elin Erdem, 7b

Stille. Tränen laufen mein Gesicht runter. Ich sitze auf meinem Bett und nehme verschwommen die kahlen Wände wahr. Das Licht der Lampe flackert leise, doch ich bin nicht wirklich anwesend. Ich höre nichts, sehe nichts und doch spüre ich die Stille in jeder Ecke des Zimmers.

Ich weiß nicht, wie ich je wieder etwas tun soll, wie ich je wieder lachen kann und wann dieser Schmerz endet. Mama ist tot. Seit Wochen schon. Und Papa…naja, er ist einfach da, aber irgendwie auch nicht. Er arbeitet ständig und redet kaum. Ich habe aufgehört zu hoffen, dass er etwas sagt, dass er mich sieht. Und meine Freunde? Die haben sich auch zurückgezogen. Denn wer möchte schon Zeit mit jemandem verbringen, der still ist und andauernd Tränen in den Augen hat? Ja, ich bin eine Versagerin. Nach einer Weile erdrückt mich die Stille beinahe und ich stehe hastig auf und ziehe Jacke und Schuhe an. 

Draußen ist es kalt und der Wind beißt in meine Wange. Ich gehe zur Eishalle, jeder Schritt fällt mir schwer und ich habe das Gefühl, ich zerbreche gleich. Dennoch ist es ein kleines Licht in der Leere, weil ich in der Eishalle und beim Eislaufen „Ich“ sein kann. 

Die Halle riecht nach kaltem Eis und nach Gummi. Die Licher spiegeln sich im Eis. Niemand ist da, nur ich und das Echo meiner Schritte und das leise knirschen des Eises. Ich fahre los, zuerst langsam, dann immer schneller bis mein Herz pocht und meine Lungen brennen. Hier habe ich die Kontrolle und hier vergesse ich für eine kurze Zeit den Schmerz. Nach einer Weile spüre ich etwas anderes. Jemand beobachtet mich. Ich blicke auf, erkenne jedoch nicht wer es ist. Zuerst will ich es ignorieren, einfach weitermachen, als wäre ich alleine. Doch das Gefühl bleibt und drängt sich in meinen Kopf. Schließlich fahre ich näher an die Bande und erkenne ihn, Papa.

Er steht dort, zurückhaltend, die Hände in den Taschen. Ich halte inne und mustere ihn. Er sieht müde und traurig aus und spiegelt damit meine Emotionen wider. Papa spricht nicht. Ich will etwas sagen, aber ich kann nicht. Kein Wort kommt über meine Lippen. Die Stille erdrückt mich fast. Nach paar Minuten sagt er leise: „Ayana, können wir bitte reden?“ Beim Klang seiner Stimme zucke ich leicht zusammen. Sie hört sich ungewohnt an, da ich ihn seit Wochen nicht mehr sprechen gehört habe. Ich schlucke. Erst will ich nicht mit ihm reden. Ich will nicht, dass er plötzlich auftaucht und meint alles reparieren zu können. Ich spüre, wie die Wut in mir brodelt, doch ich will nicht wütend sein. Nein! Ich möchte einfach wieder ich sein. Glücklich und heil.

Schnell unterdrücke ich die Wut, drehe mich um und laufe ein paar Runden auf den Eis. Schließlich fahre ich doch widerwillig zu Papa. Nicht weil ich möchte, sondern weil ein Teil von mir vielleicht braucht, dass er wirklich sieht, wie es mir geht. Ich setz mich zu ihm auf die kalte Bank. Er schaut mich an und ich sehe, dass er zögert. „Ich habe dich lang nicht mehr gesehen“, sagt er schließlich, die Stimme ist brüchig. „Und mir tut es wirklich leid. Ich hätte wissen müssen…, dass nicht nur ich leide, sondern auch du.“

Bei seinen Worten bildet sich ein Kloß in meinem Hals und Tränen treten mir in die Augen, doch ich blinzele sie schnell weg. Ein Teil von mir will einfach weg. Zurück in die Stille doch ein anderer Teil von mir möchte ihm zuhören. Ich sehe, wie er versucht ehrlich zu sein und antworte zögerlich: „Ich…ich weiß nicht. Es ist alles so schwer und ich fühle mich schrecklich allein.“ Er nickt und sein Blick ist verständnisvoll. „Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe und ich will es jetzt anders machen. Wir können das zusammen schaffen und müssen den Schmerz nicht alleine tragen. Gibst du mir noch eine Chance?“

Ich schaue ihn nachdenklich an und aus irgendeinem Grund, ich weiß nicht warum antworte ich mit „Ja“. Er lächelt leicht und zieht mich dann in eine feste Umarmung. Anfangs erwidere ich sie zögerlich, doch dann genieße ich sie. Wie lange war es her, dass wir uns wir uns umarmt haben? Nach einer Weile löse ich mich und stehe auf und ziehe meine Schlittschuhe wieder an und fahre ein paar Runden auf dem Eis. Papa bleibt am Rand stehen und beobachtet mich still.

Die Halle ist still, aber die Stille fühlt sich nicht mehr nur leer an. Für einen Moment ist sie erfüllt von etwas, das mir lange fehlte. Nähe. Papa ist da, für mich! Ich weiß, nicht wie es weitergeht. Ob wir wirklich zusammenfinden, ob wir den Schmerz ertragen. Keine Ahnung? Doch tief in meinem Herzen spüre ich etwas Neues. Hoffnung.


Diese Geschichte entstand im Rahmen des Deutschunterrichts der Klasse 7 bei Frau Alberti.