Allgemein,  Meinung

Das Freund-Feind-Denken in der Politik

Warum wir politische Grautöne verlieren

Ein Meinungsbeitrag von Marie Lüder, 12 C

„Unsere Klasse gegen die anderen. Die 2b macht es richtig und alles, was die 2d macht, ist blöd. Nur wir haben recht!“ Solches Pausengeplauder ist in der Grundschule oder im Kindergarten allgegenwärtig. Kinder sehen sich und ihre Freunde als absolut richtig an, während die anderen automatisch als böse gelten. Folglich ist alles, was „die anderen“ tun, ebenfalls falsch, böse und unfair.

Dieses hier ausgeführte Freund-Feind-Denken kommt allerdings keineswegs nur unter kleinen Kindern vor. Tatsächlich handelt es sich um ein weit erforschtes psychologisches und gesellschaftliches Phänomen, das Menschen durch alle Altersstufen und Verantwortungsbereiche begleitet: angefangen im Kindergarten, über Teenager-Freundesgruppen und Firmenkonkurrenz bis hin zur scheinbar banalen Diskussion darüber, welche Straße die schöneren Vorgärten besitzt. Klar, unsere Straße hat die prächtigsten Blumen, die der anderen wirken hingegen viel farbloser.

Prinzipiell streben wir Menschen nach Zugehörigkeit. Wir möchten unsere eigenen Überzeugungen vertreten, uns zusammenschließen und am liebsten jeden anderen davon überzeugen, dass wir recht haben und nicht „die anderen“. Diese menschliche Eigenschaft lässt sich momentan besonders häufig in der Politik wiederfinden. Die Gesellschaft sieht sich zunehmend in zwei Lager gespalten: links und rechts. Auffällig ist dabei, wie sich beide Seiten gegenseitig anstacheln, polarisieren und auf Extremismus mit Gegenextremismus reagieren.

Doch was sind überhaupt politische Extreme, welche Rolle spielen sie in unserer Gesellschaft und welche Gefahren bringen sie mit sich? Ist es heutzutage überhaupt noch möglich, eine persönliche und reflektierte politische Meinung zu haben, ganz unabhängig von starrem Links- und Rechts-Denken?

Starke, unkonventionelle Meinungen sind in einer Demokratie allgegenwärtig. Der entscheidende Punkt, der diese völlig legitimen Meinungen jedoch vom Extremismus unterscheidet, ist, dass Extremismus gegen demokratische Grundprinzipien rebelliert. Extremisten stellen damit einen Gegenpol zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung dar und lehnen demokratische Werte wie Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung oder das Mehrheitsprinzip ab.

Heutzutage erleben wir in Deutschland primär Linksextremismus und Rechtsextremismus. So existieren beispielsweise Bevölkerungsgruppen, die linksextreme Züge aufweisen, was bedeutet, dass sie die kapitalistische Marktwirtschaft und den Staat im Allgemeinen ablehnen. Strömungen, die dieses Verhalten verkörpern, sind zum Beispiel die Kommunistische Plattform (KPF) oder die Antikapitalistische Linke (AKL). Beide werden vom Verfassungsschutz beobachtet und als „offen extremistisch“ eingestuft.

Charakteristisch für Extremismus ist zudem die Gewaltbereitschaft, die darauf abzielt, extremistische Vorhaben durchzusetzen. Seit 2022 steigt die Zahl der linksextremistischen Straf- und Gewalttaten laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Im Jahr 2024 gab es rund 6.000 Straftaten von Linksextremen, wobei allerdings weniger als 1.000 davon gewalttätiger Natur waren. Unsere Gesellschaft wird demnach zunehmend polarisierter und gefährlicher. Wirft man darauf aufbauend einen genaueren Blick auf die Gründe, die Linksextreme für ihre Verbrechen angeben, wird als häufigster Grund die „Reaktion auf Rechtsextremismus“ genannt. Der prozentuale Anteil solcher Delikte stieg in den letzten Jahren um rund 33,9 Prozent. Diese Angaben lassen aufhorchen, insbesondere im Zusammenhang mit dem ansteigenden Rechtsextremismus in Deutschland.

Seit Jahren dominiert ein ,Thema und besonders eine Partei, die Medien. Der Rechtsrutsch in Deutschland, ja sogar in ganz Europa, ist unübersehbar, und die AfD gewinnt zunehmend an Einfluss. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte sie rund 20,8 Prozent. Daran zeigt sich, dass auch der Rechtsextremismus in Deutschland zunehmend an Aufmerksamkeit und Anhängern gewinnt. Das Bundesverfassungsgericht versucht seit Mai 2025, die „Alternative für Deutschland“ als gesichert rechtsextrem einzustufen, wogegen die Partei allerdings noch klagt. Die Zahlen rechtsextremer Straftaten liegen deutlich höher als die der Linksextremen. 2024 wurden rund 40.000 rechtsextreme Straftaten begangen, von denen weniger als 5.000 gewalttätig waren. Dennoch ist klar: Die Zahl extremistischer Verbrechen steigt, nicht nur bei den Rechtsextremen, die im Vergleich zu 2023 um 47,4 Prozent zunahmen, sondern auch bei den Linksextremen. Diese Entwicklungen sind keineswegs zufällig.

Extremismus kann durchaus positive Komponenten für Politik und Gesellschaft haben. Zunächst kann er als Warnsignal fungieren. Wenn Missstände in der Gesellschaft auftreten, die insbesondere untere Bevölkerungsschichten betreffen, können extremistische Bewegungen dazu beitragen, reale soziale Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen. Dadurch erhalten diese mehr Aufmerksamkeit und der Druck auf die Regierung wächst, sie zu lösen. Außerdem zwingt Extremismus die demokratische Mitte dazu, ihre politischen Grundwerte und Prinzipien, wie etwa die Meinungsfreiheit, klarer zu definieren und aktiver zuverteidigen. Das motiviert auch Menschen, die sich zuvor kaum mit Politik auseinandergesetzt haben, sich für ihre Grundrechte zu engagieren. Extremismus kann somit durchaus einen Beitrag zu einer differenzierten demokratischen Gesellschaft leisten. Problematisch wird er jedoch, sobald Gewalt angewendet wird oder wenn er genutzt wird, um Gegnern größtmöglichen Schaden zuzufügen.

Die Polarisierung der Gesellschaft auf linker wie rechter Seite ist eng miteinander verknüpft, da sich beide Lager gegenseitig anstacheln. Dieses Phänomen beruht maßgeblich auf dem bereits beschriebenen Freund-Feind-Denken, das Menschen dazu bringt, auf Extremismus mit Gegenextremismus zu reagieren.

Neben den bereits genannten Gründen wie Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen, sozialen Ungerechtigkeiten oder dem Wunsch nach Aufmerksamkeit gibt es auch psychologische Ursachen für dieses Verhalten. Der Mensch hat ein tief verankertes Bedürfnis nach Orientierung, Sicherheit und Zugehörigkeit. Unsere moderne Gesellschaft hingegen ist geprägt von Komplexität, Widersprüchen und einer kaum überschaubaren Informationsflut. Täglich prasseln unzählige Meinungen auf Mediennutzer ein. Um diese Komplexität zu bewältigen, vereinfacht das menschliche Gehirn die Welt, indem es klare Gegensätze konstruiert: ein „Wir“, das als moralisch richtig gilt, und ein „Sie“, das als falsch, schuldig oder feindlich wahrgenommen wird. Diese Schwarz-Weiß-Logik entlastet die Psyche, indem sie Zweifel und Unsicherheiten reduziert.

In diesem Zusammenhang lässt sich auch erklären, warum Extremismus häufig mit Gegenextremismus beantwortet wird. Fühlt man sich durch radikale Positionen angegriffen oder bedroht, erlebt das Gehirn dies als Verletzung der eigenen Identität. Die Reaktion darauf ist oft Trotz und Gegenradikalität, die das Gegenüber sogar übertreffen soll. Auf diese Weise fühlt man sich wieder überlegen und die eigene Meinung erscheint erneut als gerechtfertigt. Konflikte werden dadurch jedoch nicht sachlich ausgetragen, sondern emotional aufgeladen. Die Fronten verhärten sich zunehmend, Diplomatie und Kompromissbereitschaft werden nahezu unmöglich. Es entsteht ein Kreislauf, in dem sich beide Seiten durch Gegenextremismus zu verteidigen versuchen und dadurch ihre eigene Existenz rechtfertigen. Je länger dieser Kreislauf anhält, desto stärker eskaliert die Situation. Häufig wird schließlich zu Gewalt gegriffen, und auch Menschen, die eigentlich unabhängig von politischen Extremen sind, werden hineingezogen.

Ein aktuelles Beispiel für einen Akt politischer Extreme ist die Brandstiftung der linksextremen „Vulkangruppe“ in Berlin. Der Fall sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit, da rund 45.000 Haushalte und tausende Betriebe stundenlang ohne Strom, Heizung und Internet waren. In einem Bekennerschreiben erklärte die „Vulkangruppe“, die Tat sei ein politischer Protest gegen fossile Energien gewesen. Für die Täter mag die Aktion aus ihrer Perspektive „gut“ gewesen sein, da sie große mediale Aufmerksamkeit erzeugte und ihrem Anliegen Gehör verschaffte. Fossile Energien sind schließlich ein häufig kritisiertes Thema. Dennoch gefährdete die Brandstiftung die gemeinsame Infrastruktur und raubte vielen Menschen ihre Lebensgrundlage. Dies schürt Ängste und verschärft den Kreislauf zwischen polarisierten politischen Extremen. Zudem wirft die Tat ein negatives Licht auf eigentlich berechtigten Klimaaktivismus.

In Zeiten, in denen Extremismus mit Extremismus beantwortet wird, wird politische Auseinandersetzung leicht emotional statt sachlich geführt. Genau das ist jedoch der Grund, warum es so schwierig wird, gemeinsame und sinnvolle Lösungen zu finden, von denen alle profitieren könnten. Stattdessen spalten Taten wie der Stromausfall in Berlin die Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager. Die zielorientierte Verbesserung sozialer, unfairer und bedrohlicher Zustände ,etwa im Kampf gegen den Klimawandel, wird dadurch eher verzögert als vorangebracht


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