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HEADLINE-Adventskalender 2025

4. Türchen

In diesem Jahr gibt es nach drei Jahren Pause endlich wieder einen HEADLINE-Adventskalender! In der ganzen Vorweihnachtszeit könnt ihr jeden Tag ein Türchen öffnen und euch von Gedichten, kleinen Rückblicken auf fast 10 Jahre HEADLINE-Geschichte, weihnachtlichen Witzen und vielem mehr überraschen lassen! Wir wünschen euch heute viel Freude mit dem vierten Türchen!


Kontroverse und hitzige Diskussionen finden an jeder Ecke statt – Im Klassenraum, am Stammtisch im Lokal oder bei der Familienfeier am heiligen Abend. Der Streit um einfache Dinge kann dazu führen, dass Menschen nie wieder miteinander reden und sich für immer wegen einzelner Aussagen nicht mehr in die Augen blicken können. Dabei ist das doch genau das Gegenteil der Idee von Weihnachten.

HEADLINE nimmt sich Zeit, genau diese hitzigen Debatten faktenbasiert zu beleuchten.

Unserer Redakteurin Henriette Rösch hat eine klare Meinung zu Zoos und Tierparks: Sie gehören abgeschafft! Unser Chefredakteur Lukas Harper ist da der genau gegenteiligen Meinung. Die beiden treten ins „HEADLINE – Duell der Worte“!


Henriette: Für viele Menschen sind Zoos schöne Orte. Orte, an die man mit der Familie geht, Orte an denen Kinder etwas über Tiere lernen und Orte, die Arten schützen.

Lukas: Gerade diese Begegnungen mit Tieren aller Art sind aus meiner Sicht das Tolle an Zoos: Jährlich besuchen rund 20 Millionen Menschen in Deutschland mindestens einen Zoo oder Tierpark. Laut dem Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) verzeichneten die 54 Mitglieds-Zoos im Jahr 2022 mehr als 34 Millionen Besuche, was auf die wachsende Beliebtheit der Einrichtungen hinweist. Der Zoologische Garten Berlin ist mit jährlich etwa 3,9 Millionen Besuchern der meistbesuchte Zoo Deutschlands. 
Tierparks vermitteln Wissen, das sonst kaum jemand aus erster Hand erhalten würde – ein wichtiger Faktor in einer Zeit, in der Artensterben oft ein abstrakter Begriff bleibt.

Henriette: Beliebt sind sie, aber für Tiere sind Zoos Orte, an denen sie leiden und an denen sie sterben.

Lukas: Dass Tiere in Zoos leiden können, ist unbestritten – aber die zoologische Haltung unterliegt heute strengen Standards, wird regelmäßig überprüft und hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert. Stresslevel bei Tieren festzustellen ist übrigens gar nicht so einfach.

Henriette: Es ist völlig egal, wie groß sich Zoos „unserer Tiere sind glücklich“, oder „ohne uns gäbe es diese Art nicht mehr“ auf ihre Fahnen schreiben, die Realität in den Gehegen ist eine andere.

Lukas: Gleichzeitig existieren zahlreiche dokumentierte Fälle, in denen Zoos tatsächlich das Überleben einer Art ermöglicht haben – etwa beim Wisent, dem Kalifornischen Kondor (in 1980er Jahren gerade einmal 22 Exemplare, durch Zoos mittlerweile wieder 537, davon 334 in die freie Wildbahn umgesiedelt) oder dem Vietnam-Kantschil. Letztere Tierart lebt nicht in „Gefangenschaft“ in einem Zoo, sondern unter Beobachtung unter anderem des Leipziger Zoos in der Wildnes. Ohne Zuchtprogramme wären Gattungen wie diese heute vermutlich ausgestorben.

Henriette: Es ist aber festzuhalten, wie schlecht es den Tieren trotz dessen in Zoos geht geht, wenn sie in unnatürlichen Umgebungen und in Gefangenschaft leben. Vögel können nicht mal einen Bruchteil der Strecke fliegen, wie sie es in Freiheit könnten, Geparden nicht in Höchstgeschwindigkeit ihrer Beute hinterherjagen, Affen nicht von Baum zu Baum schwingen. Zoos verweigern Tieren ganz einfach ihre natürlichen Verhaltensweisen und das führt zu Verhaltensstörungen, so genannten „Stereotypen“. Es ist ein Zusammenhang belegt, zwischen der natürlichen Größe des Reviers einer Tierart, und der Ausprägung ihrer Verhaltensstörung in Zoologischen Einrichtungen. Eisbären zählen dabei zu den besonders betroffenen Tieren: das Gehege, in dem sie im Zoo leben, entspricht nur etwa einem Millionstel ihres natürlichen Streifgebiets.

Lukas: Es stimmt, dass einige Arten platztechnisch schwieriger zu halten sind als andere. Aber moderne Zoos reagieren darauf, indem sie Haltungsbedingungen ständig verbessern, optimieren, Gehege vergrößern und auf tierartspezifische Beschäftigungsprogramme setzen. Gerade bei stark bedrohten Arten ist eine kontrollierte Umgebung oft der einzige Raum, in dem Forschung überhaupt möglich ist. Fakt ist – in dem Punkt stimme ich dir zu – die natürliche Größe des Lebensraums kann nicht abgebildet und eingerichtet werden.

Henriette: Menschenaffen beispielsweise sind sehr intelligente Tiere, deren hohe Ansprüche an ihre Umgebung und ihre psychische Stimulation, kein Zoo der Welt gerecht werden kann. Das führt bei ihnen oft zu ausgeprägten psychischen Erkrankungen, die zu Selbstverstümmelung oder sogar dem Essen der eigenen Exkremente (Anm. d. Red.: Kot und Urin) führen.

Lukas: Auch hier zeigt aktuelle Verhaltensforschung, dass gerade Menschenaffen in Zoos länger leben, besser medizinisch versorgt werden und in Anlagen mit sozialer Gruppendynamik häufig stabile Familienstrukturen entwickeln können – etwas, das in einem zerstückelten Lebensraum vieler Ursprungsgebiete kaum noch möglich ist. Gleiches gilt auch für Großkatzen und andere Säugetiere.

Henriette: Der Fakt, dass Tiere in Zoos nicht ihr natürliches, sondern gestörtes oder apathisches Verhalten zeigen, widerlegt das „Argument“, in Zoos würde Wissen über Tiere vermittelt. Eine Quantitative Bildungserfolgserhebung am Beispiel des Zoos in Zürich aus 2017 belegt, dass Besucher*innen zwar Informationen über Aussehen und Namen erhalten, aber kein komplexeres (und auch wichtigeres) Wissen erlangen, wie zum Beispiel über Artenschutz, Bedrohungsstatus oder Schutzmaßnahmen. Eine Umfrage, die in einem englischen Zoo durchgeführt wurde, ergab, dass Kinder mehr über Dinosaurier wissen, als über die Menschenaffen, die in dem Zoo zur Schau gestellt wurden.

Lukas: Diese Studien zeigen eine Herausforderung – aber sie sagen nichts darüber aus, ob Zoos grundsätzlich Wissen vermitteln können. Viele Einrichtungen haben ihre Bildungsprogramme stark ausgeweitet, arbeiten mit Schulklassen, VR-Angeboten und Führungen. Dass Kinder mehr über Dinosaurier wissen, liegt eher an Popkultur als an Zookonzepten.

Henriette: Diese Programme gibt es, reichen aber, wie an der Studie zu sehen, nicht aus. Ein beliebtes Argument für Zoos ist auch, dass sie angeblich Artenschutz betreiben würden. Aber das ist aus keiner Perspektive korrekt. Zum einen, gehören die meisten Tiere, die in Zoos leben, keiner bedrohten Tierart an. Nur etwa 20 bis 25 Prozent aller weltweit bedrohten Säugetiere werden in Zoos gehalten, bei Reptilien sind es sogar nur 3 Prozent.

Lukas: Dabei übersieht man, dass Zoos nicht nur Tiere „ausstellen“, sondern in internationalen Erhaltungszuchtprogrammen zusammenarbeiten, genetische Datenbanken pflegen und Forschungsprojekte finanzieren – auch für Arten, die nicht in Zoos leben. Das habe ich vorhin ja auch am Beispiel des Vietnam-Kantschils erklärt. Ohne diese Strukturen wären viele Populationsprogramme gar nicht möglich. Zoos bilden die gesamte Artenvielfalt ab, daher auch mit nicht bedrohten Arten.

Henriette: Aber selbst, wenn in Zoos überwiegend bedrohte Tierarten leben würden, änderte das nichts daran, dass die meisten der Tiere niemals ausgewildert werden könnten. Viele Tiere werden in Gefangenschaft geboren und erlernen die Verhaltensweisen nicht, die sie für das Überleben in der Natur bräuchten. Ihre Instinkte verkümmern und selbst wenn die Zoos planen würde, sie auszuwildern, könnten sie in freier Wildbahn nicht überleben.

Lukas: Es ist korrekt, dass Auswilderungen selten und schwierig sind – aber nicht unmöglich. Erfolgreiche Beispiele wie das Europäische Nerzprojekt, die Wiederansiedlung der Mönchsrobbe oder die Auswilderung des Goldenen Löwenäffchens zeigen, dass Zoos eine zentrale Rolle in langfristigen Schutzprogrammen spielen können.

Henriette: In oder wegen Zoologischen Einrichtungen sterben massenhaft Tiere. Einige schon während ihrer Gefangenschaft, aufgrund von falscher Haltung oder, wie oben erläutert, wegen gestörter Verhaltensweisen. Und andere sterben danach, weil Zoos ständig Tiere nachzüchten, um die Anfrage hochzuhalten, und weil Tierbabys viele Besucher*innen anlocken, wird der Platz irgendwann knapp. Die „überschüssigen“ Tiere werden in der Regel getötet oder an dubiose Tierhändler*innen verkauft. PETA Deutschland hat nachgewiesen, dass alleine der Zoo und Tierpark Berlin zwischen 2007 und 2009 über 1.000 Tiere, an den Tierhändler Werner Bode verkaufte. Dessen Kunde ist unter anderem ein Tierversuchslabor und ein Exotenrestaurant.

Lukas: Davon habe ich bei der Recherche auch gelesen. Solche Fälle sind schockierend und müssen klar verurteilt werden. Vor allem wegen fehlender Transparenz. Gleichzeitig haben viele Zoos seitdem ihre Richtlinien grundlegend reformiert, strengere Transparenzpflichten eingeführt und Zuchtprogramme so organisiert, dass Überbestände vermieden werden. Fehlverhalten einzelner Einrichtungen steht nicht stellvertretend für alle. An der Stelle steht auch die Politik in der Pflicht: Im Nürnberger Zoo mussten Mitte 2025 zwölf Paviane getötet werden, um eine Überpopulation zu verhindern, da 40 Exemplare zu groß für das kleine Gehege waren. Versuche, die Tiere an andere Zoos abzugeben scheiterten. An der einen Stelle aufgrund des geringen Interesses, an der anderen wegen Kostengründen. Das ist keine gute Argumentation. Gesetze, die an solchen Stellen dafür sorgen, dass diese Tiere schneller und günstiger umgesiedelt werden können, würden wirklich fehlen. Macht die Situation also zu einem Problem in der Verwaltung und zu keinem von zoologischen Gärten ansich.

Henriette: Zoos werden weiterhin versuchen, die Illusion aufrecht zu erhalten, sie würden etwas Gutes bewirken. Weil Zoos Geld bringen und Tourist*innen anlocken. Aber das ändert nichts an der Realität. Eine Realität, die die Tiere in den Gehegen jeden Tag leben müssen.

Lukas: Ich würde eher sagen: Zoos stehen heute unter größerer öffentlicher Beobachtung als je zuvor. Nicht ohne Grund haben wir PeTA, WWF, VIER PFOTEN, VETO Tierschutz und Co. Tierparks müssen daher ihre Rolle als Bildungs- und Forschungsinstitutionen ständig neu begründen. Viele tun das transparent, mit wissenschaftlicher Begleitung und klaren Fortschritten.

Henriette: Ich kann nur hoffen, dass Zoos für Euch ab jetzt keine schönen Orte mehr sind, sondern Orte, die man meidet, gegen die man Petitionen unterschreibt und die möglichst bald nicht mehr existieren können.

Lukas: ICH hoffe hingegen, dass Zoos weiter reformiert, verbessert und wissenschaftlich begleitet werden – nicht verschwinden. Denn ohne sie verlieren wir einen der wenigen Orte, an denen bedrohte Arten konkret geschützt, erforscht und für die Öffentlichkeit sichtbar werden. Frage: Wo sollen Tiere denn hin, die aktuell in den unzähligen Zoos und Tierparks leben, würden wir von heute auf morgen alle dichtmachen?

Henriette: Die Einrichtungen würden ja nicht von heute auf morgen schließen. Das wäre ein Prozess, der sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte ziehen würde. Ebenso können wir uns ja auch nicht die Frage stellen, was aus den Tieren werden würde, wenn von heute auf morgen alle Menschen vegan werden würden. Angebot und Nachfrage. Denn auch wenn viele Besucher*innen mit guten Intentionen in Zoos gehen, echter Schutz kann nur dann stattfinden, wenn Tiere frei sind.

Lukas: Ich halte fest: Wir finden heute keine gemeinsame Linie. Aber das muss ja auch nicht sein! Wichtig ist, dass man darüber spricht. Gesellschaftliche Debatten dürfen nicht totgeschwiegen werden. Im Gegenteil, denn sie muss heiß diskutiert werden! Sonst drehen wir uns im Kreis. Progressives Denken beginnt im Dialog.


Na? Wer hat euch mehr überzeugt? Welches Thema soll als nächstes in „HEADLINE – Duell der Worte“ diskutiert werden? Schreibt es uns an headline@stauffenberg-online.de oder per Teams!