Sapere aude

Nie wieder Kant!

Ein Meinungsbeitrag von Lukas Harper, 9d

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Bla, bla, bla…“ Wenn dir dieser Satz fremd vorkommt, du ihn nie abgeschrieben und im Halbschlaf vor dich hingemurmelt hast, warst du entweder nie im Geschichtsunterricht oder hast großes Glück mit deinem Lehrplan gehabt.

Ich hatte dieses Glück nicht. Mitte des letzten Schuljahres, Thema: Aufklärung. Wie meine Geschichtslehrerin mir aufgetragen hat, habe ich Kants Definition der Aufklärung brav auswendig gelernt. Denn „das kommt sicher in der Lernkontrolle dran“. Also habe ich mir die alten Zeilen durchgelesen, wieder und wieder, wie ein Gedicht, das man nicht versteht, aber trotzdem aufsagen muss. (Liebe Frau W., Ich kann’s immernoch!)

Erst habe ich mir nichts dabei gedacht. Kant war eben ein schlauer Mann! Der gehört zur deutschen Geschichte, wie Einstein und Beethoven. Wird schon irgendeinen Sinn haben, wenn wir ihn durchpauken müssen.

Dann, erst vor einigen Tagen, also lange nachdem ich diesen Teil in der Geschichtsarbeit verhauen habe, bin ich auf einen Artikel gestoßen, eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem. Irgendeine News von Ende 2020. Überschrift: „War Kant ein Rassist?

Immanuel Kant | Gemälde von Johann Gottlieb Becker | 1768

Ich dachte erst, das sei übertrieben. Wie in anderen x-beliebigen Meinungsbeiträgen, wo jeder etwas zu sagen hat und am Ende rauskommt, dass die Essenz des Ganzen bleibt wie zu Beginn schon. Dann habe ich weitergelesen. Kant hat tatsächlich Menschen in verschiedene „Rassen“ eingeteilt. Weiße Menschen stellte er ganz nach oben. Kant bezeichnete Chinesen als Mischlinge zwischen Indern, alten Skythen und Hunnen und rechnet sie zur „gelben Halbrasse“. Über Schwarze schrieb er Dinge, die ich hier lieber nicht wiederhole. Amerikanische Ureinwohner und Frauen standen für Kant ganz unten in der Gesellschaft.

„Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race (heute: Rasse) der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent.“ Schwarze Menschen seien noch „weit tiefer“ angesiedelt, „und am tiefsten steht ein Theil (heute: Teil) der amerikanischen Völkerschaften“. So zitierte der Deutschlandfunk Kants Schriften.

Das ist also der Mann, dessen Definition von Aufklärung wir auswendig lernen sollen? Jemand, der Menschen abgewertet hat, nur weil sie anders aussehen? Oder aus einem anderen Land kommen? Auf diesen Denker und dessen Ideen bauen doch eigentlich die Säulen des europäischen Wertesystems auf.
Wenn man es überspitzt ausdrücken will: Dann können wir auch gleich Zitate von Björn Höcke pauken. Das ist schließlich auch ein Mann, der (leider) in die deutsche Geschichte eingehen wird und wie Kant in solchen Kategorien denkt.

Hier als Beispiel ein Ausschnitt von einem Online-Beitrag des NDR vom 11.12.2015:

Screenshot Onlinebeitrag ndr.de |PANORAMA | „AfD: Höckes Lehre von den Menschentypen“ | 11.12.2015

Natürlich war Kant ein wichtiger Philosoph der Aufklärung. Aber genau deshalb sollten wir auch wissen, was er wirklich gedacht hat – nicht nur die Teile seines Denkens, die vielleicht ganz geil klingen, wenn man es den Großeltern aufsagen kann. Wenn wir Kant im Unterricht besprechen, dann bitte mit allem, was dazugehört! Nicht als moralisches Vorbild, sondern als jemand, der kluge Ideen hatte und gleichzeitig ein Weltbild vertrat, das heute zu Recht scharf kritisiert wird. Ja, Immanuel Kant hat sich Ende der 1790er Jahre ausdrücklich von dieser Idee einer „Rassenunterteilung“ abgewandt.

Trotzdem war er da. Der Gedanke daran, dass vielleicht nicht alle Menschen gleich sind. Sonder, dass wir klassistische Unterschiede machen sollten. Wer als Vordenker beschrieben wird, sollte auch ein Vordenker sein. Da zählt für mich auch das Argument „Man muss das Ganze natürlich auch in den zeitlichen Kontext setzen!“ nicht.

Ich denke in solchen Momenten immer gerne daran, dass in der Eingangshalle unseres Graf-Stauffenberg-Gymnasiums ein Schild hängt: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Scheint ja super zu funktionieren, wenn es nicht einmal klappt, zusätzlich zu einer zweifelsohne wirklich wichtigen Auseinandersetzung mit der Zeit der Aufklärung, den Mann hinter vieler der prägenden Aussagen zu beleuchten. Vielleicht neutral. Man zeigt also nicht nur Kants fancy Sprüche, sondern auch jene, die heutzutage zu Recht nicht mehr gesagt gehören.

Geschichte ist nicht dafür da, auswendig gelernt zu werden. Man muss sich mit ihr auseinandersetzen. Auch mit Menschen, die früher als unantastbar galten. Es ist wichtig, hinzuschauen und zu hinterfragen – Auch wenn das unbequem sein kann.

Vielleicht war Kant doch nicht völlig nutzlos für mich. Nicht wegen des Zitats, das ich ehrlich gesagt sowieso bald (wenn auch nur wortwörtlich und nicht inhaltlich) aus meinem Gehirn löschen werde. Sondern weil ich mich meines eigenen Verstandes bedient habe. „Sapere aude. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Und mein eigener Verstand sagt mir ziemlich klar: Wer andere Menschen herabsetzt, hat kein Denkmal in Schulbüchern und unseren Köpfen verdient. Wer sich ernsthaft mit Kant auseinandersetzen sollte, ist der Kultusausschuss des hessischen Landtages!