Allgemein,  Meinung

Schwarz-Rot-Gold

Wieso ich gegen Dauerbeflaggung bin und was das mit einem neuen Haarschnitt zu tun hat

Ein Essay von Lukas Harper, 9d

Wenn ich nachmittags mit dem Bus von der Schule nach Hause fahre, sehe ich am Ortseingang meines Wohnortes immer eine große Deutschlandflagge an einem Fahnenmast flattern. Nicht am Rathaus oder einem anderen städtischen Gebäude, sondern an einem Privathaus. Anfangs habe ich jedes Mal hingeschaut. Ich habe mir überlegt, wer dort wohl wohnt, welche politische Einstellung diese Menschen haben könnten und warum sie die Flagge dauerhaft präsent vor die Nase halten. Schwarz-Rot-Gold ist eben nicht hundertprozentig „akzeptiert“ in Deutschen Einfahrten und der Schrebergartensiedlung. Um nicht zu sagen: Verpönt.
Mittlerweile schenke ich der Flagge im Vorbeifahren kaum noch Beachtung. Sie ist einfach da. Seit ich ans GSG fahre. Ich habe mich daran gewöhnt. Und genau darin liegt das Problem: Wenn ein Symbol ständig präsent ist, wird es unsichtbar. Es verliert seine Wirkung, wird zu einem alltäglichen Gegenstand.

Dieses Prinzip lässt sich überall beobachten, nicht nur bei Flaggen.
Folgendes Beispiel: Theo geht in Deine Klasse. Eigentlich hat er von Natur aus schwarze Haare. Nach den Sommerferien kam er dann aber mit blondierten Haaren zurück. Neu und auffällig sorgte seine Frisur erstmal für Aufmerksamkeit und blöde Sprüche. Die einen mögen seine äußerliche Veränderung, den anderen gefällt es nicht so. Theo ist das egal, er weiß ja, warum er es gemacht hat, und lässt sich davon nicht unterkriegen. Mittlerweile stecken wir in der zehnten Schulwoche und Theos Frisur wird längst nicht mehr kommentiert. Es ist halt so. Seine Haare sehen so aus, wie sie aussehen, darüber muss man ja nicht mehr groß reden.
Was ich damit sagen möchte: Symbole funktionieren nur, solange sie gesehen, bewusst wahrgenommen und respektiert werden. Wenn sie Alltag werden und wir uns zu sehr daran gewöhnen, sind es eben KEINE Symbole mehr.

Dazu passt ein Blick in andere Länder: In den USA weht die Nationalflagge nahezu überall. Vor jeder Schule, in jedem Klassenraum, in jedem Vorgarten, an jedem öffentlichen Gebäude, vor allen Supermärkten, … – Ich könnte ewig so weiter machen. Sogar im American Diner steckt die „Stars and Stripes“ als Papierfähnchen in Deinem Burger.
Hierzulande eröffnet keine neue Pizzeria, ohne, dass die Speisekarte zuvor mit den italienischen Landesfarben verziert wurde.
Zu Besuch in skandinavischen Ländern kaufen Touristen die Flaggen von Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark auf Pullis, kleinen Figuren fürs Bücherregal, Shirts, Magneten oder Frühstücksboxen. Ich bin sehr gerne und sehr oft im Norden Europas im Urlaub. Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, würde ich es nicht glauben, aber ich habe im Sommer in Norwegen eine Herren-Boxershorts in einem Laden gefunden, bei der auf dem Hinterteil ein Elch in den rot, blau und weiß abgebildet war.

Kurzum: Die Flagge wird zum Gegenstand, zur Dekoration, zur Selbstverständlichkeit. Sie wird aus dem Kontext gerissen und ist – wenn ich das hier so sagen darf – in manchen Ländern so bedeutungslos geworden, dass sie wortwörtlich für’n Arsch ist. Ihre eigentliche Message – ein Symbol von Einheit, Freiheit oder Identität – verblasst.

Deshalb ist es für mich klar: Wir dürfen unsere deutsche Flagge zeigen. Wir MÜSSEN es sogar, aber wir MÜSSEN es BEWUSST tun. Große Sportereignisse wie die Europameisterschaft oder Olympia sind perfekte Momente dafür. Wenn in einem Stadion die Flaggen anderer Nationen wehen, dürfen wir ja nicht einfach nichts tun. Wir stehen hinter unserer Mannschaft, wir stehen hinter unserem Land und sollten dabei sogar Flagge zeigen, ohne sie in überheblichen Patriotismus zu verwandeln. Auch an nationalen Feiertagen oder Gedenktagen wie dem Tag der Deutschen Einheit, dem 9. November oder Holocaust-Gedenktagen sollte Schwarz-Rot-Gold präsent sein. Weihnachten oder Ostern hingegen sind keine Anlässe für die Flagge: Sie ist kein kirchliches Symbol, sie ist ein Symbol der Demokratie.

Ein Aspekt zum Umgang mit der Flagge sollte uns besonders als Schülerinnen und Schüler beschäftigen. In der öffentlichen Diskussion taucht immer wieder die Forderung auf, Flaggen dauerhaft vor jedem Schulgebäude zu hissen. Die Junge Union, die Jugendorganisation der CDU, beispielsweise plädiert schon sehr lange dafür.  Ich habe dazu Texte von 2012 in den Tiefen des Internets gefunden, damals unterzeichnet von der heutigen Forschungsministerin und damaligen Vorsitzenden der JU Dorothe Bär. Auch die AfD hält an dieser Idee seit ihrer Gründung fest. Besonders zu letzterer Partei habe ich da eine klare Haltung: Die Deutschlandflagge steht für Demokratie. Sie sollte daher nicht denen überlassen werden, die gegen diese Demokratie arbeiten. Trotzdem kann ich mir das irgendwie nicht wirklich vorstellen. Schwarz-Rot-Gold dauerhaft vor unserem Graf-Stauffenberg-Gymnasium… Das passt für mich nicht. Ich finde das problematisch: Dauerbeflaggung entwertet das Symbol. Wenn Schwarz-Rot-Gold ständig vor der Schule hängt, wird sie wie ein gewöhnliches Dekorationselement behandelt, das niemand mehr bewusst wahrnimmt. Dann wird die Flagge unsichtbar, und ihre Botschaft von Demokratie, Verantwortung und Einheit verliert ihre Kraft.

Anders verhält es sich, wenn Flaggen gezielt eingesetzt werden. Am 20. Juli, am 09. November, am 27. Januar. Plötzlich wird sie sichtbar, sie wird zum Zeichen, auf das man achtet und über das man spricht. Schülerinnen und Schüler beginnen, darüber nachzudenken: Was bedeutet Schwarz-Rot-Gold? Welche Werte stehen dahinter? Genau das ist die Wirkung, die wir brauchen.

Verteidigungsministerium | X

Für mich gehören in diesem Zusammenhang auch andere Flaggen dazu: Die EU-Flagge für die Einheit Europas und die Regenbogenflagge für Toleranz und Vielfalt. Zusammen vermitteln sie eine klare Botschaft: Deutschland tritt geeint auf – innerhalb des Landes, innerhalb Europas und innerhalb unserer Gesellschaft. Alle Menschen sind eingeschlossen, alle Lebensweisen respektiert. Wenn diese drei Flaggen gemeinsam gehisst werden, entsteht ein modernes Bild von Patriotismus und Nationalstolz. Ein Bild, das stolz macht, ohne auszugrenzen.
Wir eifern einfach den Franzosen nach. Unsere Tricolore ist dann aber nicht blau, weiß und rot, sondern Schwarz-Rot-Gold, blau mit gelben Sternen und in Regenbogenfarben!

Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, wann wir ein Zeichen setzen. Wann fühle ich mich bereit, die Flagge zu hissen? Wann ist es besser, sie einzupacken, aufzubügeln oder zu reparieren, wenn sie beschädigt ist? Darauf kommt es an.

Schwarz-Rot-Gold sollten wir nicht den Rechten überlassen. Wir sollten es uns zurückholen und als das einsetzen, was es ist. Schwarz-Rot-Gold würdevoll zu zeigen, bedeutet, das Symbol bewusst zu behandeln, als Zeichen für Demokratie, Zusammenhalt und Verantwortung.


Anmerkung: Natürlich kann man mir in einem Punkt inhaltlich widersprechen: Eine Gewöhnung an staatliche Symbole kann auch gut sein. Das, was selbstverständlich und allgegenwärtig ist, wird seltener hinterfragt oder sogar „besudelt“. Soll heißen, auch Argumente für eine Dauerbeflaggung haben definitiv ihre Daseinsberechtigung!


Quelle Beitragsbild: pixabay.com

Woher stammt die deutsche Nationalflagge überhaupt? | MrWissen2go musstewissen kompakt