Zwischen Haltung und Höflichkeit
Warum ich meine Intervention vor dem Interview mit Armin Schwarz nicht zurücknehme
Am 11. September 2025 habe ich im Hessischen Landtag den Kultusminister Armin Schwarz für unsere Interview-Serie HEADLINE-Nachgefragt interviewt. Das Gespräch war lang, intensiv und in manchen Momenten auch ernüchternd. In meinem Vorwort zum Interview – der sogenannten „Intervention“ – schrieb ich: „Ich bin mit großen Erwartungen in den Hessischen Landtag gefahren… Dass diese nicht komplett zufriedengestellt werden würden, hatte ich mir schon gedacht. Das ist in Interviews immer so. Ich hätte mir seitens Schwarz jedoch trotzdem gewünscht, inhaltlich mehr auf meine Fragen einzugehen, statt eine von ihm oft kritisierte Ideologie selbst in das Gespräch zu streuen.“
Diese Passage hat im Hessischen Kultusministerium wohl für Unmut gesorgt, denn zwei Tage nach der Veröffentlichung fand ich eine neue Nachricht in meinem Postfach. In einer Mail bezeichnete Michael Ashelm, Pressesprecher von Kultusminister Armin Schwarz und dessen Ministerium, meine Einordnung als „Foulspiel“ und „nicht die feine Art“.
Ich halte diese Reaktion für bedauerlich – und meine Intervention dennoch weiterhin für richtig.
Ein Interview ist kein PR-Text und keine Bühne für politische Botschaften. Es ist ein Gespräch, idealerweise auf Augenhöhe. Doch in diesem Fall hatte ich stellenweise den Eindruck, dass auf kritische Fragen ausweichend oder strategisch reagiert wurde, ohne wirklich auf den Kern einzugehen.
Ich empfand es als meine Pflicht, das transparent zu machen. Denn journalistische Verantwortung bedeutet, nicht nur zu dokumentieren, was gesagt wird, sondern auch aufzuzeigen, wo Antworten ausbleiben.
Gerade weil unsere Leserschaft überwiegend aus Schülerinnen und Schülern besteht, halte ich es für wichtig, offen zu zeigen, wie politische Kommunikation funktioniert und wo sie manchmal an ihre Grenzen stößt.
Meine Intervention war kein Angriff und keine Abwertung. Sie war meine ehrliche Reflexion des Gesprächsverlaufs. Wer Interviews führt, weiß: Es gibt einen Unterschied zwischen einer politischen Meinung und einer rhetorischen Strategie. Wenn ein Minister auf konkrete Fragen nach sozialen Ungleichheiten oder Problemen im Schulsystem mit allgemeinen Parteibotschaften antwortet, ist das sein gutes Recht – aber ebenso ist es MEIN gutes Recht, das zu benennen.
Das als „Foulspiel“ zu bezeichnen, bedeutet, redaktionelle Einordnung mit Parteilichkeit zu verwechseln. Ich sehe darin den Versuch, journalistische Analyse als Unhöflichkeit darzustellen. Ein zentraler Punkt: Nur das Gesagte – also die Zitate des Interviewten – steht unter Autorisationspflicht.
Das ist gängige journalistische Praxis und schützt beide Seiten: Den Gesprächspartner davor, falsch wiedergegeben zu werden, und die Redaktion davor, in ihrer Arbeit eingeschränkt zu werden. Vorworte, redaktionelle Anmerkungen, Zwischenüberschriften, Kommentare oder Interventionen sind Teil der redaktionellen Gestaltung und müssen nicht vom Interviewten oder dessen Pressestelle abgesegnet werden. Das ist kein Formalismus, sondern Ausdruck der Pressefreiheit und redaktionellen Unabhängigkeit. In diesem Punkt war ich sogar sehr freundlich zum Minister, denn die Erklärung seiner Person im Vorwort, redaktionelle Anmerkungen innerhalb seiner Fragen, sogar den Titel hat Armin Schwarz in der Autorisation geändert und den Inhalt „verfälscht“. Wer versucht, diese Trennung aufzuweichen, gefährdet das Grundprinzip journalistischer Arbeit. Dass Medien selbst bestimmen, wie sie Inhalte präsentieren und bewerten.
Ich bin überzeugt: Das Kultusministerium hätte in dieser Form nicht reagiert, wenn es sich um ein etabliertes Medium wie die FAZ, die Zeit oder den Hessischen Rundfunk gehandelt hätte. Diese Mail wurde nur geschrieben, weil wir eine Schülerzeitung sind. Offenbar herrscht die Vorstellung, man könne mit einer Schülerredaktion anders umgehen. Vielleicht belehrender, vielleicht kontrollierender. Aber das ist ein Irrtum.
Denn wenn die Politik glaubt, sich in die redaktionelle Arbeit einer freien Schülerzeitung einmischen zu können, dann ist das nicht nur ein Missverständnis, sondern ein demokratisches Problem. Freie Schülerzeitungen sind Teil der Pressefreiheit – unabhängig von schulischen oder ministeriellen Strukturen. Da darf auch ein Armin Schwarz und sein Pressesprecher nicht eingreifen.
Wenn wir an dem Punkt angekommen sind, dass Ministerien versuchen, Einfluss auf journalistische Inhalte von Jugendlichen zu nehmen, brauchen wir uns nicht wundern, dass immer weniger Schülerinnen und Schüler sich trauen, öffentlich Stellung zu beziehen.
Ich habe Respekt vor der Arbeit des Ministeriums und auch vor Herrn Ashelm. Doch der Versuch, meine Einordnung als unfaire Geste darzustellen, verkennt die journalistische Rolle, die wir einnehmen.
Unsere Aufgabe ist nicht, Pressemitteilungen zu verlängern, sondern Interviews zu führen, wie es sie tausendfach in deutschen Zeitungen gibt. Mit dem Unterschied, dass ein 15-jähriger angehender Journalist mehr Interesse daran haben könnte, was ein Kultusminister entscheidet, als ein 60-jähriger Berufsredakteur.
Transparenz ist keine Unhöflichkeit. Sie ist der Kern journalistischer Glaubwürdigkeit. Ich hätte mich nicht wohl gefühlt, ein Interview zu veröffentlichen, das womöglich Schülerinnen und Schüler, die gerade in ihrer politischen Meinungsbildung stecken, falsch lenken könnte.
Und genau deshalb bleibt die Intervention stehen. An einer Stelle gestehe ich mir einen Fehler ein: Es wäre klüger gewesen, die Intervention ans Ende des Interviews und nicht vorne dran zu stellen. So hätten sich alle während des Lesens eine Meinung über das Gesagte bilden und erst im Anschluss meine Meinung dazu hören können.
Mir ist wichtig, dass wir uns weder einschüchtern noch vereinnahmen lassen.
Lukas Harper
Chefredakteur HEADLINE
Beitragsbild: © Annika List / HMKB


