35 Jahre Deutsche Einheit
Unnützes Wissen mit Mehrwert
Eine Auflistung von der Redaktion der HEADLINE
Heute jährt sich die Deutsche Einheit zum fünfunddreißigsten Mal. Grund genug, ein paar spannende Fakten zu teilen, die zwar auf den ersten Blick wie „unnützes Wissen“wirken, aber vielleicht helfen, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung besser einzuordnen.
Von der Teilung zur Mauer
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand am 7. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR), kaum ein halbes Jahr später, nachdem mit der BRD am 23. Mai 1949 Deutschland unter den siegreichen Alliierten auf der Potsdamer Konferenz neu aufgeteilt wurde. Zwölf Jahre später, im August 1961, errichtete die SED-Führung (SED = Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) die Berliner Mauer: ein 155 Kilometer langes Grenzbauwerk, das West-Berlin vollständig von Ostdeutschland abriegelte. Bereits zuvor bestand die sogenannte „innerdeutsche Grenze“ seit 1952, 1400 Kilometer lang, die Ost- und Westdeutschland voneinander trennten. Die DDR-Regierung rechtfertigte diese Entscheidung damit, die Mauer sei ein „antifaschistischer Schutzwall“, der die Ostbürger vor den Westdeutschen schützen würde. Die Mauer stand 28 Jahre lang – bis zum 9. November 1989. Was das bedeutet? Wir leben heute bereits deutlich länger ohne Mauer, als sie je gestanden hat.

Mabit1, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
Mindestens 327 Menschen kamen nach einer Studie der Freien Universität Berlin zwischen 1949 und 1989 an der innerdeutschen Grenze ums Leben – sie versuchten zu fliehen, um in Freiheit zu leben. Und doch gelang einigen die Flucht:
1964 gruben Helfer in West-Berlin einen 145 Meter langen Tunnel, durch den 57 Menschen in den Westen entkamen.
1971 schwamm der Leistungssportler Peter Döbler 45 Kilometer über die Ostsee von Kühlungsborn bis nach Fehmarn.
1979 wagten zwei Familien mit einem selbstgebauten Heißluftballon die Flucht – und überquerten in einer waghalsigen Nacht erfolgreich die Grenze.

Lear 21 at English Wikipedia, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons
Leben im Arbeiter- und Bauernstaat
Das Leben in der DDR war streng von der Politik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands geprägt. Freie Wahlen? Fehlanzeige – es gab zwar Wahlzettel, aber nur eine Einheitsliste. Kritik an der Regierung oder „falsche“ Meinungen konnte schnell die Aufmerksamkeit der Stasi auf sich ziehen – der berüchtigten Staatssicherheit, die wohl rund 180.00 Spitzel im Alltag der Bürger beschäftigte.
Der Alltag unterschied sich in vielen Bereichen deutlich von dem in der Bundesrepublik: Viele Menschen lebten in Plattenbauten – uniformen Wohnblöcken aus Beton. Die Mieten waren günstig, doch es mangelte oft an Wohnraum. Vieles war knapp. Bananen, Südfrüchte, Jeans oder Schallplatten gab es nur selten. Lange Schlangen vor Geschäften gehörten zum Alltag. Eine Urlaubsreise nach Italien oder Spanien war nicht möglich. Stattdessen ging es in die „sozialistischen Bruderländer“ – oft nach Ungarn, Bulgarien oder an die Ostsee. Dort war übrigens FKK weit verbreitet.
Nackt baden galt als Ausdruck von Freiheit, auch wenn es paradox genug in einem Staat geschah, der politische Freiheit unterdrückte. Die Schule war stark vom Gedanken des Sozialismus geprägt. Neben Mathe und Deutsch standen Staatsbürgerkunde und statt Englisch Russisch als erste Fremdsprache auf dem Lehrplan. Kinder wurden zu Jungpionieren und später Thälmann-Pionieren, mit Halstüchern und Hemden in verschiedenen Farben und verpflichtender Teilnahme an politischen Feiern.
Jeans waren ein begehrtes Statussymbol. Wer welche aus dem Westen bekam, hütete sie wie einen Schatz. Statt Plastikbeuteln nutzte man Dederon-Netze – bunte, strapazierfähige Einkaufsnetze, die bis heute Kultstatus haben. Jugendliche sammelten „Sekundärrohstoffe“ – Papier, Schrott oder Glas. Wer fleißig war, bekam kleine Belohnungen wie Kinokarten oder Süßigkeiten. Ein besonderes Symbol war der Trabant („Trabi“), spaßeshalber auch mal „Rennpappe“ genannt. Er war günstig und robust, mit knatterndem Zweitaktmotor und einer Karosserie aus Duroplast, einem Kunststoff. Die Wartezeit für ein Auto betrug bis zu 15 Jahre. Wer endlich einen Trabi bekam, gab ihn oft an die nächste Generation weiter.
Befehle an der Grenze
Die Grenzanlagen waren streng gesichert. Grenzsoldaten hatten den Schießbefehl: Wer die Grenze illegal überquerte, durfte mit Waffengewalt aufgehalten werden. Inoffiziell aber gab es eine Art „stillen Protest“: Manche Soldaten übten gezieltes Danebenschießen, um Flüchtenden, die die Flucht auf sich nahmen, zwar abzuschrecken, aber keinesfalls zu töten. Das konnten viele der Soldaten und Polizisten nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Auch wenn das bei Entdeckung schwerste Strafen nach sich zog.
Information oder Propaganda?
Wer in der DDR lebte, bekam nur gefiltert mit, was beispielsweise im Westen, in den USA oder in Frankreich passierte. Die Medien waren streng staatlich kontrolliert. West-Fernsehen galt offiziell als „feindliche Propaganda“ – trotzdem schauten Millionen Ostdeutsche heimlich ARD, ZDF oder West-Radio, wenn sie in Reichweite waren. In manchen Regionen (z. B. Dresden) war der Empfang allerdings kaum möglich – man sprach vom „Tal der Ahnungslosen“.
Die Welt blickt auf Berlin
Berlin war das Symbol des Kalten Krieges. Kein Wunder also, dass es oft Schauplatz weltpolitischer Gesten wurde. Einer der berühmtesten Momente: Am 26. Juni 1963 besuchte der US-Präsident John F. Kennedy West-Berlin. Vor mehr als 400.000 Menschen sprach er vor dem Rathaus Schöneberg und rief:
„Ich bin ein Berliner.“
Dieser Satz sollte zeigen: Die freie Welt steht zu Berlin. Für viele West-Berliner war das eine enorme moralische Unterstützung – mitten in einer Stadt, die von einer Mauer umschlossen war.
26 Jahre später sollte an derselben Stadtgrenze ein anderer US-Präsident in die Geschichte eingehen: 1987 forderte Ronald Reagan am Brandenburger Tor den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow auf: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ Zwei Jahre später fiel sie tatsächlich.
Die Staats- und Parteiführung der DDR
In den 40 Jahren ihres Bestehens hatte die DDR fünf Staatsratsvorsitzende:
- Walter Ulbricht (SED) – der erste, prägte Aufbau und Repression.
- Willi Stoph (SED).
- Erich Honecker (SED) – wohl der bekannteste, über 18 Jahre im Amt.
- Egon Krenz (SED) – nur 42 Tage im Amt, erlebte den Mauerfall.
- Manfred Gerlach (LDPD) – einziger Nicht-SED-Vorsitzender, regierte knapp fünf
Monate.
Mit den ersten freien Wahlen im März 1990 wurde das Staatsratsamt abgeschafft.
Der Fall der Mauer
Eine der berühmtesten Pannen der Weltgeschichte führte schließlich zum Ende der Teilung: Auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989 verkündete SED Funktionär Günter Schabowski irrtümlich, neue Reisebestimmungen für DDR Bürgerinnen und – Bürger gälten „sofort“. Noch am selben Abend strömten Tausende zu den Grenzübergängen – und die Mauer fiel.
Von Bonn nach Berlin
Weniger bekannt ist: Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland war bis zur Wiedervereinigung Bonn. Am 10. Mai 1949 setzte sich Bonn in einer geheimen Abstimmung des Parlamentarischen Rates knapp gegen Frankfurt am Main durch (33 zu 29 Stimmen). Erst nach dem Einigungsvertrag 1990 wurde Berlin wieder zur gesamtdeutschen Hauptstadt.
Vielleicht gehört zu einer echten Einheit auch der Aspekt, nur eine Hauptstadt zu haben. Bis heute sind nämlich viele Ministerien, sowie der Zweitsitz des Bundeskanzlers und der Bundespräsidentin in Bonn. Ein Umzug nach Berlin würde die Einheit der Hauptstadt endlich abschließen.
Deutschland heute – Einheit mit Differenzen
Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland nicht in allen Bereichen vollständig zusammengewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Osten erreicht rund 75–80 % des Westniveaus.
Über 90 % der großen Unternehmen haben ihren Sitz im Westen, Einkommen und
Vermögen liegen im Schnitt niedriger. Der Osten ist älter und homogener, der Ausländeranteil beträgt nur etwa ein Viertel des Westwerts.
Auch die Zufriedenheit mit der Demokratie ist im Osten geringer (nur ca. 44 % zufrieden vs. 60 % im Westen). Dies schlägt sich auch in einem stärkeren Zuspruch zu extremen Parteien nieder.
Die Deutsche Einheit ist ein Meilenstein der Weltgeschichte – errungen durch Mut, Zufall und den Willen nach Freiheit. Sie brachte ein geteiltes Land zusammen, auch wenn Unterschiede bis heute spürbar bleiben. Und vielleicht helfen diese kleinen Fakten – von Bananenknappheit über Rennpappen, vom Tal der Ahnungslosen bis zu FKK-Stränden – die Geschichte hinter dem „Tag der Deutschen Einheit“ ein Stück lebendiger zu machen.

Noir, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons
Nun zur Grenzmauer zwischen den beiden deutschen Staaten und ein paar Fakten zur Mauer in und um die heutige Hauptstadt Berlin:
Gesamtlänge der Grenze zu West-Berlin: 155 km
Innerstädtische Grenze zwischen Ost- und West-Berlin: 43 km
Grenze zwischen West-Berlin und der DDR („Außenring“): 112 km
Grenzübergänge zwischen Ost- und West-Berlin (Straße/Schiene): 8
Grenzübergänge zwischen der DDR und West-Berlin(Straße/Schiene): 6
Beobachtungstürme: 302
Bunker: 20
Hundelaufanlagen: 259
Kraftfahrzeug-Sperrgräben: 105,5km
Quelle:
www.berlin.de/mauer/geschichte/bau-der-mauer/die-mauer-in-zahlen/
Beispielbild im Lead: www.pixabay.com


