Allgemein,  Meinung

Brosius Gersdorf 2027

Ein Traum in Belle vue?

Ein Meinungsbeitrag von Lukas Harper, 9d

Vorwort: Es gibt wohl eine Frau, über die vor den Sommerferien in jedem Klassenraum heiß diskutiert wurde. Ihr habt doch sicher auch mit Herrn Gerlach, Frau Mohles oder Herrn Rehm im PoWi-Unterricht über den ersten großen Patzer der schwarz-roten Koalition gesprochen. Nein, habt ihr nicht? Dann wird es höchste Zeit!

Die politische Gerüchteküche in Berlin kocht mal wieder über: Kanzler Friedrich Merz wolle im Jahr 2027 eine Frau für das Amt des Bundespräsidenten vorschlagen, wie es beispielsweise DIE ZEIT am 24. August 2025 berichtete. Könnte die Union dabei wohl auf die derzeit amtierende Bundestagspräsidentin Julia Klöckner setzten? Wäre dieser Vorschlag nicht fiktiv und mir beim einfachen Doomscrolling gekommen, würde er hoffentlich in einigen Kommentarspalten und Medien auf Gegenwind stoßen. Schließlich stand Klöckner in der Vergangenheit oft im Kreuzfeuer der Kritik. Man denke nur an ihre Äußerungen zur Regenbogenflagge oder an ihre Aussage: „Klar kann sich Kirche auch zu Tempo 130 äußern, aber dafür zahle ich jetzt nicht unbedingt Kirchensteuer.“ (Zitat: katholisch.de) Auch können wir auf ein Video aus dem Jahr 2019 gucken, damals war sie Bundeslandwirtschaftsministerin, in dem es einem vorkam, als würde sie gerade ein Werbevideo für den zurecht zur kritisierten Lebensmittelkonzern Nestlé drehen. Das sind Positionen, die mit den Werten von Vielfalt und Toleranz, für die das Amt des Bundespräsidenten steht, nur schwer zu vereinbaren sind.

In dieser angespannten Situation braucht es einen Gegenentwurf. Einen Vorschlag, der nicht nur eine Frau, sondern eine Persönlichkeit ins Schloss Bellevue bringt, die für die Werte des Amtes steht. Wäre ich nun also Mitglied der Bundesversammlung – You may ask, Hessischer Landtag! – wüsste ich ganz klar, welche Frau ich in Betracht ziehen würde. Parteilos, wie Joachim Gauck damals, trotzdem jemand, die es schafft, viele Menschen zu vereinen. Zumindest, unter der Verfassung zu vereinen. Ich denke da an… Frauke Brosius-Gersdorf.

Sicher klingelt es da gerade bei einigen. „Dieser Name kommt mir doch bekannt vor…“ Kurzfassung: Brosius-Gersdorf war eine Verfassungsrechtlerin, vorgeschlagen im Juli für das Amt einer Richterin am höchsten deutschen Gericht. Dem Bundesverfassungsgericht. Dann – eine Hetzkampagne, angeführt von Konservativen bis Rechten aus Union, AfD und sonstigen fragwürdigen Gruppierungen. Der Wahlgang scheiterte – Am Tag der Wahl war der Unionsfraktionsspitze Jens Spahn klar, dass er es nicht schaffen wird, seine Partei hinter dieser Frau zu versammeln. Ihre und auch die Wahl zweier weiterer vorgeschlagener Kandidaten fiel ins Wasser. Planmäßig hätte sie neu angesetzt werden können. Dazu kam es jedoch nicht. Brosius-Gersdorf wurde auf das Übelste angefeindet und bekam sogar Morddrohung, auch gegenüber ihrer Familie. Sie schmiss das Handtuch, sicher aufgrund der großen Belastung. Durchhalten mache ohne reelle Wahlchance keinen Sinn, so die Verfassungsrechtlerin. Ihre Kandidatur und was daraus gemacht wird, schade der Demokratie mehr, als dass es ihr etwas bringe.

Frauke Brosius-Gersdorf ist eine verschwendete Personalie gewesen, eine Frau, die man hätte nutzen können. Definitiv, wenn die Union sich nicht mal wieder quergelegt hätte und es an Jens Spahn, der seine Fraktion in dem Punkt nicht im Griff hatte, gescheitert wäre

Steinmeier verkörpert bisher schon die Perfektion von Neutralität und überparteilichem Handeln. Wer den ZDF-Sommerinterviews in den letzten Jahren zugehört hat, weiß, dass der Frank-Walter Steinmeier als Außenminister oder Kanzlerkandidat ein ganz anderer war, als der, den er nun verkörpert.

Wobei, auch Steinmeier könnte mehr Missstände in Deutschland aufzeigen. An der ein oder anderen Stelle ist er mir noch zu objektiv… Genau das Gegenteil ist jedoch eine Stärke von Brosius-Gersdorf. Sie betrachtet nichts zu objektiv, sondern immer aus der Sicht unserer Verfassung, aus der Sicht einer Juristin.

Wäre also Frauke Brosius-Gersdorf in dieser Hinsicht die logische und überzeugende Nachfolgerin auf den „Papi der Nation“?

Ihre Ernennung wäre ein starkes Signal für die Unabhängigkeit des Amtes und ein Zeichen gegen politische Gegenströme. Dagegen, dass man sich nicht einfach von „Abtreibungsgegnern“ und Verschwörungstheoretikern lenken lässt. Stellt euch das mal vor: SPD, Grüne und Linke schließen sich zusammen, um eine gemeinsame Kandidatin zu präsentieren. Ein Akt des Widerstands gegen die Vorherrschaft der Union. Ein Funke Hoffnung in einer sonst so grauen politischen Landschaft. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass es jemals so weit kommt – immerhin teilen sich CDU/CSU und SPD immer noch das Regierungsschiff und der Bundespräsident wird im Normalfall mit der Mehrheit der Koalition gewählt – aber die Idee allein ist es wert, in die Welt gesetzt zu werden.


Quelle Beitragsbild: ZDF | Ausschnitt aus „MARKUS LANZ“ | 15. Juli 2025