Sternchen, Sternchen an der Wand, schaffst du die Gleichberechtigung im ganzen Land?

Warum wir falsch an das Gendern gegangen sind

Eine Glosse von Lukas Harper, 9d

Es war einmal ein kleines Sonderzeichen, das auszog, die Welt zu retten. So schlich es sich heimlich in unsere Sprache. Es flatterte mit großem Tamtam in Stellenausschreibungen, war im TV zu hören und zwitscherte aus den Mündern progressiver Menschen. Es nannte sich ganz fancy „das Gendersternchen“. Fortan war nicht mehr von Lehrern und Lehrerinnen die Rede, sondern von Lehrer*innen. Die Hoffnung: Ein kleines Sternchen für mehr Gleichheit. Nur hat dabei eigentlich niemand bedacht, dass das Patriarchat nicht so einfach gestürzt werden kann?

Man muss dem Sternchen eines lassen: Es bemüht sich. Es krabbelt zwischen Silben und quetscht sich tapfer zwischen „Bürger“ und „innen“. Es klingt, als würde sich jemand beim Sprechen kurz verschlucken. Ein bisschen künstlich allemal. Die Absicht zählt, sicher. Doch Sprache lebt nicht von Absichten allein. Sie lebt davon, dass Menschen sie verstehen. Und benutzen wollen…

Und genau hier hakt es. Denn statt Gleichberechtigung greifbarer zu machen, sorgt das Sternchen für Verwirrung. Wie gendere ich richtig? Geht nicht die männliche Form des Wortes „Koch“ verloren, wenn ich von „Köch*innen“ spreche? Die Landesregierung aus Hessen, die das Gendern in Prüfungen aus Gründen der Grammatik verbot, spreche ich hier mal gar nicht an. Und in Talkshows wird minutenlang über die korrekte Aussprache gestritten, während echte Gleichstellungsfragen – Lohnlücke, Care-Arbeit, politische Repräsentation – leise im Off verschwinden. Ist es wirklich fair, dass Frauen im Schnitt 16% weniger verdienen als Männer? Antwort: Auf keinen Fall!

Gleichberechtigung braucht keinen Zungensport. Sie braucht Kitas, die öffnen, wenn die Schicht beginnt. Parlamente, in denen wir in Fraktionen nicht nur 10% Frauenquote haben. Und Löhne, die nicht vom Geschlecht, sondern von der Leistung abhängen. Sprache kann ein Spiegel sein – aber sie ist kein Zauberstab, nichts, was die Welt wirklich ändern kann. Wer glaubt, dass ein Sternchen Jahrhunderte der Ungleichheit wegbügeln kann, der glaubt auch, dass man mit einem Komma den Klimawandel aufhält. Das Sternchen kann ein Anfang sein. Ein Anfang, der nur leider in vielerlei Hinsicht nicht geglückt ist.

Natürlich darf man gendern. Aber man sollte nicht erwarten, dass Gleichberechtigung einfach vom Himmel fällt – selbst, wenn sie in Form eines Sternchens kommt…